P ferde

alexander maischein

Früher als ich noch ein kleiner Junge war (aber bin ich heute größer ?), bin ich jeden Tag mit dem Fahrrad in die Schule gefahren. Ich habe niemals den direkten Weg gewählt sondern habe immer, je nach Zeit große Umwege gewählt und dabei geträumt von fernen nicht realen Begebenheiten. Geträumt von Pferden und vom Reiten. Morgens hat die Zeit oft nicht gereicht um an jener Koppel vorbeizufahren, die sich ungefähr drei Kilometer von unserem Haus entfernt immer noch befindet, in einem Gebiet in dem viele Kleingärtner und Bauern kleine bis große Anwesen besitzen. Heute komme ich nur noch selten an der Koppel vorbei wenn ich auf einem meiner Rundkurse laufe. Aber früher bin ich dann regelmäßig nach der Schule zu jener Koppel gefahren, um meine Freunde die Pferde zu besuchen. Kein Weg war mir zu weit um sie zu sehen. Und mit der Zeit erwarteten sie mich schon und kamen freudig, ich hoffe zumindest das es freudig war, zu mir an das Gatter gelaufen und ließen sich über ihre großen Köpfe streicheln. Wenn auf dem Feld, welches sich auf der anderen Seite des Weges befand, getrennt von einem meist ausgetrockneten aber dafür mit Gestrüpp zugewachsenen Graben - wenn auf jenem Feld irgend etwas für die Pferde genießbares angebaut war, scheute ich keine Mühen und habe so manchen Maiskolben für meine Freunde gestohlen. Manchmal brachte ich auch Zucker mit, doch vor ihren gewaltigen Mäulern hatte ich einigen Respekt und fütterte sie nur sehr Vorsichtig und selten mit so kleinen Sachen.

 

Stundenlang konnte ich an dem Gatter stehen, den prachtvollen Tieren zusehen und Träumen. Dann sattelte ich einen von ihnen, schwang mich auf ihn und ritt. Ritt mit ihm über die Felder, spürte seinen Rücken unter mir, spürte den Rhythmus des Trabens oder die unbändige Stärke des Galopps. Ich war frei und schwebte durch die Landschaft. Vergessen waren alle Probleme. Nur noch die Schönheit und die Geborgenheit der Natur wahrnehmend, fernab von allen Menschen, war ich nun in meiner kleinen Welt in der mich nichts mehr von außen stören konnte. Ich glaube ich habe einen Großteil meiner Kindheit und auch meiner Jugend in dieser Welt verbracht. Ich war noch bei den Pferden und ritt, wenn ich mich schon wieder auf dem Heimweg befand und mit dem Rad über die Felder zurückfuhr. Heute kann ich mich nur noch erinnern an jene Träume, kann mich erinnern an diese Welt, eine glückliche Welt obwohl ich allein in ihr war - aber ich kann nicht mehr Träumen und ich kann den Eingang zu jener Welt nicht mehr finden. Die Realität hat den Schlüssel versteckt, hat meine Welt verdrängt und verjagt. Vielleicht ist sie zu einem anderen kleinen Jungen gegangen und verführt ihn jetzt zum Träumen. Die Pferde und die Reiterei sind für mich nur noch eine Art mystisches Symbol, eine verschwommene Erinnerung an jene Zeit. Ein unerreichbares Heiligtum. Sie treten nur noch in der Form von Fernsehübertragungen in mein Leben. Bilder in denen jene stolzen Tiere gequält und geschunden werden. Ihre Anmut, ihr Freiheitswille durch Menschen geknechtet wird. Sie zu Zirkusclowns degradiert werden um einem gaffenden Publikum für kurze Zeit als Unterhaltungsobjekt zu dienen. Sie laufen Rückwärts, gehen im Kreis und springen über hohe Hindernisse - höhere Hindernisse als der Mensch je bewältigen könnte und der Traum stirbt jedesmal ein bißchen mehr.