Schwarz
alexander maischein
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| Ich finde Schwarz schön. Heute
finde ich es nur noch schön - früher hat es mehr, viel mehr für mich bedeutet. Es war
eine Weltanschauung gewesen. Ein Weg meine innere Trauer, meine Unreife auszudrücken.
Eine Flucht vor der Realität. Ich war durch diese Farbe nicht so wie die Anderen. Damals
als ich anfing Schwarz zu tragen, war das keineswegs so verbreitet, wie dies jetzt der
Fall ist. Ich war eine Ausnahme. Natürlich haben auch meine Mitschüler schwarze
Kleidungsstücke angehabt - ab und zu. Ich hatte immer Schwarz an und nur Schwarz. Alles
war Schwarz. Die Hosen, die Hemden, die Pullover, die T-Shirts, die Strümpfe, die Schuhe,
sogar teilweise die Unterwäsche. Ich schrieb in schwarz und bedauerte das ich keine
schwarzen Haare hatte. Meine Tasche war schwarz und meine Stifte samt Beutel waren
schwarz. Es war keine Mode - eventuell ein Spleen aber kein populärer. Nicht um
aufzufallen, nicht um etwas besonderes zu sein. Ich brauchte diese Farbe zum überleben,
so wie ich später die Musik zum Überleben brauchte.
Ich glaube ich war ziemlich lange Kind. Nicht das es schlecht wäre, wenn man lange
Kind ist, es ist nur schlecht wenn man in der Weise Kind ist, wie ich eines war. Ich war
von Anfang an ein hundertprozentiger Einzelgänger. Ich möchte nicht nachkarten wer daran
schuld hatte, daran liegt mir überhaupt nichts. Obwohl ich schon der Meinung bin, daß es
nicht unbedingt an einem selbst liegt wenn man so wird. Die Veranlagung mag dagewesen
sein, aber sie ist sicher auch kräftig unterstützt worden. Auf jeden Fall war es so,
daß ich mich sehr wohl gefühlt habe, in meiner einsamen kleinen Welt der Phantasien, in
der ich lange Jahre meiner Kindheit lebte. Oh Gott hatte ich Phantasie. Ich erlebte
Geschichten, spielte in Märchen mit, lebte tausend Leben und schwebte in fernen Welten.
Die Menschen waren nur Spielzeuge in meiner Welt. Nichts war Real für mich. Ich las viel
und ich dachte viel nach. Ich weiß noch ganz genau: ich war zehn Jahre alt als mich die
Vorstellung der Unendlichkeit fast in den Wahnsinn getrieben hätte. Unendlichkeit - Was
ist das? Wie ist das? Wie kann man sich das vorstellen? Tagelang habe ich darüber
nachgegrübelt, habe versucht diese Unendlichkeit irgendwie zu fühlen, zu begreifen. Es
hat mir geradezu körperlich wehgetan. Nachts bin ich schweißgebadet aufgewacht, von
Alpträumen geplagt. Oft war ich so in meiner Welt gefangen, so in der Gefahr nicht mehr
entkommen zu können, daß meine Eltern mich mit sanfter Gewalt wieder in die Realität
zurückholen mußten wenn ich schreiend im Bett lag. Eine Pyramide wollte mich erdrücken
und ich konnte nicht fliehen. Das Paradoxe war das ich sehr wohl wußte, daß ich mich in
einem Traum befand, daß ich denn Traum heute noch ganz genau weiß - Heute noch Schmerzen
dabei empfinde wenn ich daran denke - und das ich trotzdem nichts dagegen machen konnte.
ich sehe sie direkt vor mir, die Pyramide. Sie ist Riesengroß und besteht aus gewaltigen
rechteckigen Steinblöcken. Ich muß die Pyramide wegtragen. Ich muß einfach. Wenn ich
sie nicht wegtrage, umschichte, neu aufbaue wird sie mich erdrücken. Ich schaffe es
einfach nicht. Die Blöcke sind zu schwer. Ich kann nicht einen bewegen. Oh Gott, ich muß
- ich muß... Jede Nacht drückte mir die Pyramide auf die Brust - ich konnte mich nicht
mehr bewegen - bekam keine Luft - wollte Schreien - diese Schmerzen - Warum nur, immer
diese Pyramide. Und schließlich habe ich geschrien. Als ob ich sterben würde sagten mir
meine Eltern später. Ich habe es nie geschafft die Pyramide auch nur ein Stück zu
bewegen aber irgendwann habe ich Frieden mit ihr geschlossen und sie taucht nicht mehr in
meinen Träumen auf.
Diese Träume waren die einzigen schlimmen Erlebnisse in meiner Kindheit an die ich
mich erinnern kann. In dem Moment in dem ich >Erwachsen< wurde, in dem ich erkannte,
daß das was ich als Leben interpretierte ein verhängnisvoller Traum war - in dem Moment
haben mich meine Alpträume verlassen, als wollten sie sagen, >Du brauchst uns nicht
mehr. Das Leben ist viel schlimmer.< Genau so empfand ich das Leben. Ich kann mich
nicht mehr daran erinnern wann ich aufgewacht bin. Wann ich angefangen habe zu
realisieren, daß die Wirklichkeit nicht so war wie ich sie immer gesehen hatte.
Zu der Zeit in der die Wirklichkeit in mein Leben trat habe ich meine Identität und
meine Erinnerungen verloren. Ein großes Problem ist, daß ich mich auch heute an fast
nichts erinnern kann, daß ich oft Sachen die jetzt gerade geschehen sofort wieder
vergesse. Früher in meinen Träumen, in meiner Welt war ich glücklich, hatte ich mein
Zuhause, einen Ort wohin ich fliehen konnte, wo ich willkommen war.
Ich war ungefähr vierzehn Jahre alt als ich zum ersten Mal mit dem Leben konfrontiert
wurde. Bis dahin war alles für mich geregelt gewesen. Schule, Zuhause alles . Ich mußte
mich um nichts kümmern - alles flog mir zu. Selbst die Schule existierte in meiner Welt
nicht wirklich. Ich habe nie große Anstrengungen für die Schule unternommen, habe fast
nie Hausaufgaben gemacht, habe in der Schule nichts gemacht, aber ich war trotzdem gut.
Ich muß sogar sehr gut gewesen sein, den obwohl ich im Prinzip keinen Strich gearbeitet
habe, weil ich die Ganze Schule nur als unumgängliches Anhängsel gesehen habe, durch das
man mit so wenig Aufwand wie nur Möglich durchkommen muß, war ich immer ein Schüler im
vorderen Mittelfeld. In der neunten Klasse wurde ich aber damit konfrontiert, daß es so
nicht unendlich weitergehen konnte. Hauptschulabschluß, Realschulabschluß oder Abitur
was völlig unmöglich erschien. Ich sollte hinaus ins leben, etwas selbst machen,
Initiative ergreifen. >Ja was willst du den mal werden? Was willst du den machen?<
Fragen deren Inhalt ich zunächst überhaupt nicht begriff. Machen - Lernen - Job - Beruf
- Niemals hatte ich auch nur an so etwas gedacht. Das gab es in meiner Welt nicht. Ich war
Seeräuber, Ritter, Indianer, Abenteurer, Wissenschaftler, - Träumer. Für mich waren die
Abenteuerbücher in denen die jugendlichen Helden in einem fernen Tal die Bösewichte
überwältigten und die Filme in denen Tarzan die böse Riesenspinne besiegte das wahre
Leben. Vielleicht ist das etwas überspitzt ausgedrückt und ich habe wahrscheinlich schon
früher gewußt, daß das nicht alles ist, aber ich bin immer geflohen vor der Zukunft.
Ich war mein ganzes Leben lang ein Feigling der vor allem geflohen ist, der heute noch vor
allem flieht. Selbst zu feige vor unangenehmen Aufgaben zu fliehen wenn ich sie mal
übernommen habe. Zu feige um vor der Verantwortung zu fliehen. Ich wollte immer nur meine
Ruhe in meiner kleinen Welt. Das ging aber nicht mehr. Jetzt waren Entscheidungen gefragt.
Entscheidungen für mich selbst. ich sollte mich in dieser fremden Welt behaupten gegen
Menschen die nicht träumen über die ich keine Macht habe und die alle etwas von mir
verlangen. Jeder schien zu wissen was er machen muß. Jeder wußte wohin er gehört und
ich wußte nichts.
In jener Zeit in der ich das >Leben< kennenlernte hatte ich meine erste schlimme
existenzbedrohende Krise. Damals habe ich mich immer stärker in meine Tagträume
zurückgezogen. So weit, daß ich teilweise nicht mehr wußte was Wirklichkeit und was
Traum war. Es bestand die Gefahr das ich völlig abglitt, daß ich nicht mehr zurückfand,
daß ich einfach durchdrehte - mich der Verantwortung für mich selbst entzog. Ich hatte
das Gefühl ich wäre schizophren. Aber ich hatte schon zuviel gelesen. Ich merkte was mit
mir vorging und ich begann diese Träume zu bekämpfen. Zu stark war ich noch an das Leben
gefesselt. Ich glaube ich habe mich damals zum ersten Mal selbst verleugnet, habe zum
ersten Mal nicht das getan was ich eigentlich wollte. Der unbeteiligte wird sagen
>Bravo - Gut gemacht. Ist doch besser als verrückt zu werden.< Sicher ist es
besser, aber zu welchem Preis habe ich diesen Sieg erkauft. Als der Prozeß abgeschlossen
war, hatte ich meine Welt, meine Träume, hatte ich mich selbst zerstört. Ich war wie neu
geboren aber im negativen Sinn gesehen. Ich war völlig schutzlos in dieser unbarmherzigen
Welt die mir so feindlich gegenüber stand. Eine Welt vor der ich unglaubliche Angst hatte
und teilweise noch habe. Das schlimmste in dieser Welt sind die Menschen. Menschen und das
was sie tun - Gefühle. Ich hatte nie gelernt ein Mensch unter anderen Menschen zu sein
und ich bin nie mit Menschen und dem was sie tun klar gekommen. Ich hatte ein zu ideales
Bild von dem was einen Menschen ausmacht. In vielen Dingen ging ich von mir aus. Ich
fühlte mich immer allen Menschen unterlegen, dachte das was die anderen machen wäre
normal und gut. Ich dachte einmal Menschen wären dafür da sich gegenseitig zu helfen.
Ein ideales Bild. Ein idiotisches Bild.
Das schlimmste aber war, daß ich mich plötzlich unglaublich einsam in dieser mir so
fremden und unverständlichen Welt fühlte. Einsam und schutzlos. Es war die Zeit in der
ich zur Farbe schwarz gekommen bin. Ein Ersatz für den Rückzug den ich mir selbst
genommen hatte. Schwarz war meine Tarnung bei meinen ersten Entscheidungen. Schwarz hat
mir Halt gegeben wenn ich nicht mehr wußte was richtig und was falsch war. Mit Schwarz
habe ich aus eigenem Willen ein Schuljahr wiederholt und habe das Abitur gemacht.
Heute ist auch diese Farbe kein Rückzug mehr für mich. Schwarz hat mir einmal
geholfen aber nachdem ich einigermaßen klar gekommen bin mit diesem Problem. Nachdem es
mir einigermaßen gelungen ist zu Leben ohne unterzugehen, habe ich diese Farbe, dieses
Symbol abgelegt. Sie ist nur noch eine Erinnerung. Eine Erinnerung an eine ideale Welt. An
ein Paradies das ich verloren habe. Erinnerung an die Ursache warum ich nicht auf dieser
Welt leben kann - warum ich nicht mit ihr und den Menschen auf ihr klar komme.
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Kafka
alexander maischein
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| Kafka bedeutet Wahnsinn -
Verzweiflung - Selbstzerfleischung. Kafka ist die Kunst die Depression, die
Hoffnungslosigkeit dieser Welt und den Tod in harmonische und schaurig ironische Worte und
Sätze zu packen. Kafka ist das Negative dieser Welt an sich. Kafka war krank. So krank
wie ein Mensch nur sein konnte. Seelisch und psychisch ein Wrack. Wenn er nicht
geschrieben hätte, wenn er nicht diese verzweifelten Hilferufe an die Welt gerichtet
hätte, dann wäre er nicht so Alt geworden. Kurz vor seinem vierzigsten Geburtstag ist er
gestorben - an Tuberkulose - ein natürlicher Tod wie es aussieht. Mir steht es nicht an
über Kafka und sein Werk zu Urteilen. Meiner Meinung nach hat niemand auf dieser Welt das
Recht ein Urteil über Kafka abzulegen, höchstens die Menschen die so sind wie er, die
dieselben Gefühle besitzen. Aber Menschen die Kafka nachvollziehen können, die diesen
unglaublichen Schmerz, dieses Leid spüren und verstehen, welches aus seinen Werken
spricht, diese Menschen werden nicht urteilen, sie werden verstehen, werden mitleiden aber
sie werden nicht urteilen. Sie werden schweigen in dem Bewußtsein, daß sie einen
gefunden haben der so ist wie sie. Sie werden nichts sagen weil die Welt, diese so
unwahrscheinlich normale und >menschliche< Welt sich anmaßt über Kafka zu reden
ohne zu wissen über was es überhaupt geht. Diese Leute die sich über Kafka lächerlich
machen, die mit ihrem Unverständnis jedem Mitfühlenden ins Gesicht schlagen, die
wissenschaftliche Theorien aufstellen, ihn auseinander nehmen und Stolz darauf sind, wenn
sich eine von ihren Hirngespinsten nachweisen lassen, wenn sich die Psychologie
bestätigt. Die letztendlich aus einem kalten formlosen Computerausdruck ihre Analyse
über das Werk und den Menschen Kafka ablesen und seine angeblichen Probleme fein
säuberlich in die grün-weiß gestreiften Zeilen des Papiers gepreßt haben. Von
Problemen zu reden wäre eine hoffnungslose Verniedlichung. Kafka und die Menschen seiner
Art haben keine >Probleme<. Probleme ist ein Begriff für Zustände die von einem
Ideal abweichend empfunden werden und für die es zumindest die Möglichkeit einer
Veränderung, einer Verbesserung gibt. Jeder der auch nur einen Augenblick die Welt
Kafka's sehen mußte, durfte zu sagen wäre Blasphemie, weiß, daß es keine Lösungen
gibt, weiß das es um das nackte Überleben geht. Kafka war von Anfang auf einem
unheilvollem Weg seinem Ende entgegen.
Ich darf nicht behaupten, ich würde Kafka kennen. Ich habe zwei, drei Erzählungen,
einige Briefe und ein paar seiner Geschichten gelesen. Aber ich habe sie zu einer Zeit
gelesen in der ich sehr empfänglich war für Kafka und sein Name steht heute für eine
Periode in meinem Leben, welche ich mit Fug und Recht als die schwierigste und kritischste
bezeichnen kann. Die Zeit in der ich endgültig alle Träume verlor - in der ich den
letzten Schritt in diese Welt gegangen bin.
Auf meinem Weg ins reale Leben habe ich immer nur sehr kleine Schritte gemacht. Als mir
endlich klargeworden war das ich nicht immer Kind bleiben konnte, daß ich Entscheidungen
treffen mußte die mir keiner mehr abnehmen würde, daß heißt ich wollte auch nicht daß
jemand über mich entscheiden würde, in dieser Zeit behielt ich mir immer noch vor mich
so weit wie möglich von den Menschen fern zu halten. Einen Neubeginn schaffte ich indem
ich die Zehnte Klasse wiederholte. In meiner alten Klasse hatte ich praktisch keinen
Kontakt, war zu Recht als Sonderling abgestempelt, ein wenig blöd vielleicht aber im
großen und ganzen so uninteressant das ich gar nicht Gegenstand irgendwelcher
Überlegungen war. Ein paar Freund hatte ich schon, aber das beschränkte sich auf die
Schule. Wenn die letzte Klingel ertönte konnte ich mich wieder zurückziehen in meine
sorglose Welt der Gedanken. Die Entscheidung die Klasse zu wiederholen fiel mir alles
andere als schwer. Ich wußte sowieso nicht was ich machen sollte und Schule mit der
Aussicht auf weitere drei Jahre war da noch das Beste. Außerdem eine gute Chance für
einen Neuanfang unter Leuten die mir noch keine Verhaltensnormen und Wesensmerkmale
zugeordnet hatten. Es war zwar schon ein äußerst merkwürdiges Gefühl an den ersten
Tagen in der neuen Klasse und wie ich zum ersten mal den langen Gang in Richtung meiner
zukünftigen Klasse entlang gegangen war und die vielen fremden und neugierig blickenden
Gesichter vor mir sah, da ist mir das Herz schon noch tiefer als nur in die Hose
gerutscht. Aber jetzt geschah das was mich vielleicht für den Rest meines Lebens prägen
sollte. Die neuen Mitschüler machten es mir unglaublich einfach Kontakt zu finden. Ich
mußte fast nichts machen, keine Anstrengungen unternehmen um ins Gespräch zu kommen.
Vielleicht hat mir meine Offenheit mit der ich ihnen Gegenübertrat geholfen. Vielleicht
haben sie auch meine Unsicherheit gespürt und gemerkt, daß ich völlig ungefährlich
für ihr bestehendes System, für ihre Ordnung war und nahmen mich deshalb so herzlich
auf. Vielleicht hatte ich einfach Glück, den im nachhinein muß ich sagen, daß sich
diese Gruppe aus einer äußerst seltenen Ansammlung besonders wertvoller Menschen
zusammensetzte. Es genügte ein wenig Freundlichkeit, Unaufdringlichkeit und die
Bereitschaft zu helfen soweit das Möglich war und die Leute kamen von selbst auf mich zu.
Ich habe mich damals sehr wohl gefühlt und zum ersten mal auf ein Ziel hingearbeitet,
daß ich dann auch erreichte - die Versetzung in die Oberstufe. Für meine Verhältnisse
hatte ich jetzt eine menge Freunde und bin mit allen sehr gut ausgekommen. Die
Besonderheit später in der Oberstufe war allerdings, daß unser ganzer kleiner Haufen,
der Jahrgang bestand schließlich aus etwa fünfzig Leutchen, verteilt in drei Klassen,
daß wir alle ein ganz tolles Verhältnis zueinander hatten, mit ganz wenigen Ausnahmen
und selbst die standen niemals außen vor.
Kafka trat in dem Jahr in mein Leben, in dem ich mein Abitur schrieb. Zum einen nahmen
wir Kafka im Deutschunterricht durch und zum anderen lernte ich ein neues Gefühl kennen,
hatte ein Erlebnis welches ich schließlich, wenn ich heute daran denke unweigerlich mit
Kafka in Verbindung bringe so wie umgekehrt der Name Kafka in mir die Erinnerungen an
diese Zeit aktiviert.
Es ist im Grunde eine ganz simple Geschichte wie mir jeder bestätigt hat den ich
dummerweise gefragt habe. Und sicher ist es natürlich, daß man sich irgendwann einmal
verliebt. Vielleicht ist es nicht ganz so natürlich wenn einem das erst im hohen Alter
von zwanzig Jahren zum ersten Mal passiert, aber auch das ist nicht ungewöhnlich, wie die
ganze Sache, ich sagte es bereits, ganz normal war. Normal ist auch, daß so etwas
unglücklich sein kann. Logisch das ist auch nicht das Hauptproblem gewesen. Das
Hauptproblem war und ist folgendes:
Das Problem war, daß es mir passiert ist. Ich hatte vorher nie einen Gedanken an diese
Möglichkeit verschwendet.
Wie bereits gesagt ich war ein eingeschworener Einzelgänger. Ein Mensch der dachte,
daß er sonst niemanden brauchen würde. Und überhaupt, mein ganzes Leben war so komplex
auf Einsamkeit abgestimmt, daß ich mir auch nicht vorstellen konnte noch einen Menschen
mit hinein zu nehmen. Ich war immer der Meinung gewesen, daß ich meine Selbständigkeit,
meinen letzten Zufluchtsort, also mich selbst, aufgeben müßte wenn ich mir den Luxus
erlauben würde mich nach einem möglichen Partner umzuschauen. Außerdem kam da noch der
Punkt der Schüchternheit dazu, mein fehlendes Selbstvertrauen zusammen mit meiner Angst
vor Menschen. Speziell vor Menschen die mir etwas bedeuten (könnten) habe und hatte ich
sehr große Angst und versuchte es erst gar nicht so weit kommen zu lassen. Für einen
Psychologen wäre dieser Fall ein gefundenes Fressen. Ich habe meine eigene kleine Theorie
bezüglich dieser Angst, die wohl sehr viel Menschen fühlen. Es ist die Angst davor,
einen Menschen der einem etwas bedeutet wieder zu verlieren. es ist einfacher damit fertig
zu werden erst gar keine Kontakte zu knüpfen oder früh genug abzubrechen, als wenn man
schon eine engere Bindung zu einem Menschen aufgebaut hat, diesen dann wieder zu verlieren
oder Hoffnungen nicht bestätigt zu sehen. Wie dem auch sei, ich war ja glücklich in
meiner Einsamkeit. Ich füllte meine Welt mit allerlei Hobbys und Spinnereien auf. Ein
Jahr lang bestanden meine Partner in den Eishockeyergebnissen der letzten fünf Jahre.
Wenn ich sonst auch nicht viel wußte, aber wer wann wo ein Tor geschossen hatte - kein
Problem für mich.
Die Geschichte selbst lief ab wie eine die jeden Tag zu jeder Stunde hundert mal auf
dieser Welt geschieht. Wie immer haben wir im neuen Schuljahr neue Sitzordnungen
geschaffen und wie der berühmte Zufall so wollte, setzte ich mich in einem Fach neben
mein zukünftiges Schicksal. Ich kannte dieses Mädchen sicher schon zwei Jahre, vom
sehen, aber ich würde Lügen wenn sie mir da irgendwie aufgefallen wäre. Mir ist in
dieser Zeit überhaupt nichts aufgefallen. Auch in den ersten Wochen des Schuljahres
saßen wir zwar nebeneinander aber ich glaube wir haben kaum ein Wort gewechselt.
Irgendwann mußten wir in Gruppenarbeit ein Referat anfertigen und weil wir zusammensaßen
bildeten wir eine Gruppe. Dabei habe ich mich dann bewußt mit ihr befaßt. Ich hatte
keinerlei Probleme mit ihr zu reden und die Arbeit ging locker von der Hand. Sie war in
dieser Beziehung auch keine Hundertprozentige und wir verstanden uns gut. Ich glaube ich
habe ihr am Schluß alles diktiert und sie hat nur noch geschrieben. Es war schon lustig.
In der Zeit muß es mich erwischt haben. Aber absolut. Nicht nur so ein bißchen für
Anfänger, sondern gleich für Fortgeschrittene. Frage mich bitte keiner was es genau war,
was mich so ausrasten ließ - ich wußte es weder damals noch weiß ich es heute. Der Rest
geht nach Schema F. Ich selbstverständlich extrem Schüchtern, wußte nur das sie
derjenige welche ist und keine andere, hatte aber keine Ahnung wie ich es ihr beibringen
sollte. Letztendlich habe ich eine Geschichte geschrieben aus der man, bzw. sie
herauslesen konnte was los ist. Ich war dann tatsächlich so tollkühn und habe sie ihr
gegeben obwohl ich wußte, daß sie einen festen Freund hatte. Es endete (oder auch nicht)
auf einem Parkplatz wo sie mir anbot, daß wir Freunde bleiben können und ich ihr in
meinem Wahn sagte, sie solle alles vergessen, es wäre ein Irrtum gewesen. Wie gesagt, es
ist mir zum ersten mal passiert und ich war damals völlig Überfordert von der Situation.
Es sollte ein tolles letztes Jahr werden. Ich habe mit ihr vielleicht noch zwei Worte
gewechselt und sie noch dreieinhalb Mal angeschaut. Was da alles in mir vorgegangen ist
würde weiter Bände füllen und soll nicht ausgeführt werden zumal ich mich nicht gerne
daran erinnere. Nur einige Details: In dem Fach, wo wir nebeneinander sitzen mußten habe
ich kein Wort zum Unterricht mehr beigetragen, dafür kenne ich jede Ecke des Saales ganz
genau. Mit dem Lehrer habe ich geredet weil mir schon klar war, daß das ins Auge gehen
konnte. Vielen Dank heute noch - er hatte Verständnis obwohl ich ihm nicht sagte was
genau mein Problem war. In Chemie trieb ich es ganz Toll. Weil ich das Fach nicht mehr
brauchte, aber trotzdem hinging, warum auch immer und sie auch dort war führte ich mich
nicht sehr kooperativ auf. Unter anderem verbrachte ich Stunden damit Musik per Walkmann
zu hören. Unsere gutmütige Lehrerin sah mich teilweise nur noch kopfschüttelnd an. Um
der Klasse eine Freude zu machen, ließ sie uns eine Klausur schreiben welche so einfach
war, daß die schlechteste Note eine zwei war. Nur ich war schlechter. Ich ging in den
Saal - mit Walkmann - schaute die Klausur an, schrieb in zehn Minuten soviel wie mir
gleich einleuchtete und gab ab. Sie sah mich ungläubig an, weil ich in Chemie eigentlich
immer zu den Besten gehört hatte und bevor sie noch etwas sagen konnte war ich schon auf
und davon. Ich hatte ein vier. Gute Arbeit in zehn Minuten. In anderen Fächern habe ich
noch mehr Dinger gedreht.
Kafka hieß Deutschunterricht. Zum Glück war sie nicht bei mir in Deutsch sonst hätte
ich mein Abi vielleicht wirklich geschmissen, wie ich daß zeitweise vorhatte. Es war auch
so schwer genug. Vor den Deutschstunden hatte ich fast Panikmäßige Angst. In meinem
Zustand war ich nicht in der Lage dem Geschehen aktiv beizuwohnen. Ich hörte mir die
Diskussionen an und litt schweigend mit. Was Kafka schrieb war mir so vertraut, tat so weh
und was meine Mitschüler darüber sagten, schienen mir teilweise bösartige Attacken auf
mich selbst zu sein. Wer etwas schlechtes über Kafka sagte, meint mich damit ohne das er
es wußte. Wer sagte das Kafka verrückt war, sagte daß auch von mir. Es war schrecklich.
Mein Deutschlehrer war der Zweite mit dem ich sprach und dem ich sagte, daß ich bei Kafka
nicht mitmachen könnte. Auch hier nachträglich vielen Dank. Viele reden abfällig über
diesen Mann, aber mir hat er geholfen ohne das er wissen wollte was genau meine Gründe
sind - er hat es einfach akzeptiert. Meine Noten waren zwar nicht mehr so besonders aber
das Abi habe ich dann doch ordentlich hingelegt. Meine Motivation weiterzumachen, nicht
den Bettel hinzuwerfen war die, daß ich nicht wollte das sie dachte es wäre wegen ihr,
diese Verantwortung kann man keinem Menschen auflasten wenn man ihn wirklich liebt.
Letztendlich verdanke ich ihr mein Abitur.
Soweit die Geschichte aber was war nun mein Hauptproblem gewesen. Sicher ist es
schmerzlich wenn man sich unglücklich verliebt. Was jedoch viel schlimmer für mich sein
sollte, war daß ich mir der Tatsache bewußt wurde wie Allein und Einsam ich eigentlich
war (und immer noch bin) und was noch viel schlimmer war, daß das ein Problem für mich
ist. Plötzlich sehnte ich mich nach einem Menschen der mich versteht, der für mich da
wäre so wie ich auch für ihn da sein würde - einen Partner eben - einer Partnerin um
genau zu sein, bevor hier falsche Gedanken aufkommen. Ein ganz normaler Vorgang der für
mich allerdings Existenzbedrohent wurde weil mir die Voraussetzungen fehlten mit diesem
Gefühl fertigzuwerden. Solche Einzelgänger wie ich einer bin habe wesentlich größere
Schwierigkeiten mit diesem Teil der Realität als man das normal annehmen sollte. Wie
sonst sollte ich mir sonst die dummen Sprüche sogenannter Freunde erklären, deren
Aussage letztendlich lauteten, ich solle mich nicht so aufführen. Sprüche die mich noch
mehr in die Krise stürzten, weil ich noch dazu dachte, >Das ist doch nicht normal was
du machst, daß kann nicht normal sein.< Ich weiß nur das ich über ein Jahr gebraucht
habe um damit leben zu können, um den Preis daß ich seitdem in vielen Gefühlsbereichen
ein ziemlich kaputter Typ bin.
Ein weiteres Jahr habe ich gebraucht bis ich zum ersten mal wieder mit diesem Mädchen,
inzwischen ist sie ein hübsche junge Frau, gesprochen habe. Nach wie vor sind wir in
Kontakt - schriftlich. Es war wirklich das positivste an der Sache. Obwohl ich sie in
diesem Jahr behandelt habe wie der letzte Mensch und sie wahrscheinlich unter meinem
Verhalten auch gelitten hat, sind wir trotzdem recht gute Freunde geworden. Ich hatte mich
eben nicht in ihr geirrt. Wenn ich ehrlich bin muß ich sagen, daß ich sie immer noch
liebe und wenn ich dieses Wort in seinem ursprünglichen Sinn benutze, dann kann es nur
für sie gelten. Obwohl ich fast nichts von ihr weiß und wir uns kaum einmal gesehen
haben, nimmt sie eine Sonderstellung in mir ein die sie nicht verlieren wird. Das was ich
für sie empfunden habe und wieder empfinden würde wenn sie es mir erlaubte, kann man
nicht für zwei verschiedene Menschen aufbringen. Heute kann ich damit umgehen, soweit es
sie betrifft.
Das Kapitel Kafka ist für mich abgeschlossen. Zwar besitze ich seine gesammelten
Werke, aber ich glaube nicht das ich sie lesen werde. Kafka steht für jene Zeit in der
ich am Rande der Existenz war und ich möchte, daß Kafka ruhen möge.
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Selbstmord
alexander maischein
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| Warum in diesem Zusammenhang über
Selbstmord schreiben. Soll das heißen, daß ich damals mit dem Gedanken gespielt habe?!
Nein - Selbstmord wäre für mich niemals in Frage gekommen. Dazu war ich viel zu
feige. Zu feige die Schuld auf die Menschen zu laden, die ich liebe. Den wer hätte sich
wohl Verantwortlich gefühlt, ob jetzt mit Recht oder nicht. Unmöglich daran zu denken.
Ich schreibe über Selbstmord weil ich weiß wie man sich fühlt wenn man sich in der
Situation sieht, in der nur noch dieser Weg offenzustehen scheint. Damals zu der Zeit in
der ich diese elementare Krise in vollen Zügen durchlebte, lernte ich dieses Gefühl
kennen. Wenige Tage vor Ende des Schuljahrs - ich schrieb einige Artikel für die
Abschlußzeitung - hörte ich von der Meldung, daß sich ein junges Mädchen in unserer
Stadt umgebracht hätte. Ein ganz simpler Selbstmord der die Gerüchteküche zum brodeln
brachte, wie immer in einer Kleinstadt. Die Gründe für ihren Kurzschluß hatten wie so
oft irgend etwas mit Liebeskummer zu tun. Andere Versionen handelten von Drogenproblemen
und was weiß ich noch. Fest stand nur, daß es unnötig war und die armen Eltern und
überhaupt. Kurz entschlossen setzte ich mich hin und schrieb aus meinen frischen
Erkenntnissen zehrend einen Aufsatz über Selbstmord. Darüber wie sich ein Mensch fühlt,
was er denkt bis er soweit ist zu sagen >Schluß - ich will nicht mehr<. Ich glaube
es war ein erschütternder Aufsatz, ein guter Aufsatz vielleicht, einer wie ich ihn heute
nicht mehr schreiben könnte. Er war zu heiß - und er fiel unter den Tisch. Die paar
Leute, die ihn gelesen hatten, waren schockiert und hielten mich wahrscheinlich für
verrückt. Er passe nicht in eine Abschlußzeitung hieß es. Möglich, aber ich sehe daß
auch heute noch anders. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die Thematik
Selbstmord ist heute so Aktuell wie nie zuvor und es sollte unsere Pflicht sein darüber
zu sprechen - vorher. Jeder müßte sich mit diesem Problem befassen. Es kann für ihn
selbst wichtig sein falls er einmal in die Gefahr geraten sollte und es kann wichtig sein,
um mit offenen Augen in die Welt zu gehen, andere gefährdete Menschen wahrzunehmen und
denen zu helfen. Für was sonst sind wir Menschen, wenn wir uns schon zu fein sind, auf
unseren Nächsten zu achten und gegebenenfalls die Selbstüberwindung aufbringen, denen zu
helfen die es nötig haben. Man kann diesen Menschen nur helfen wenn man auf sie zugeht,
hartnäckig am Ball bleibt. Keiner von diesen Kandidaten wird freudig in die Welt
hinausbrüllen wie schlecht es ihm geht, wie hoffnungslos sein Leben ist und daß er
morgen vom Haus springt. Es sind die kleinen Hilferufe die wir hören müssen und die
hören wir nur wenn wir uns mit den Menschen beschäftigen.
Depressionen und Selbstmordgedanken inklusive Ausführung sind Krankheiten, welche in
unseren christlichen und humanen fortschrittlichen Gesellschaft fast so gemieden und
totgeschwiegen werden, wie früher Lepra und Pest. Depressive sind grundsätzlich selbst
schuld und außerdem haben sie einen Schuß und wer will mit solch unlustigen Gestalten
schon was zu tun haben. Selbstmordler sind noch schlimmer. Können diese Spinner nicht an
ihre Angehörigen denken - die arme Familie - Onkel Willy hat sich ja so aufgeregt - aber
man hat es ja schon immer gewußt... Und >das ist doch keine Lösung<. Falsch, ganz
falsch es ist eine Lösung und zwar die einzig mögliche Lösung für diese Menschen. Sie
können gar nicht anders. Hat sich schon mal einer von diesen Ignoranten vorgestellt wie
sehr ein Mensch leiden muß, was er durchmacht jeden Tag, jede Stunde, jede Minute bis er
soweit ist und alles hinwirft. Wenn man seinen normalen Alltagsfrust oder Streß auslebt
meint man doch schon, es ginge einem schlecht aber dieser Zustand müßte einem
Selbstmörder wie das Paradies vorkommen. Leute - denkt mal an die, die springen -
versucht euch vorzustellen wie mies es euch gehen müßte bis ihr auch soweit wärt. Das
ist nicht nur Büropipifax oder tausend Mark Schulden ergo kein Keniaurlaub - daß ist
Existenzkampf - Verzweiflung. Die Gedanken fliegen im Kreis - immer wieder und immer
wieder - und die Kreise werden immer enger und es gibt keinen Ausgang - sie suchen, oh wie
sie suchen - sie denken - immer wieder denken sie - denken, denken, denken. Und es tut weh
dieses Denken, dieses Suchen. Diese Menschen sehen die Welt nicht mehr wie sie ist. Sehen
nicht das Schöne, hören nicht mehr die Vögel singen, höchstens noch als Todesgesang.
Sie sind von unendlich vielen Auswegen umgeben, aber sie sind nicht in der Lage auch nur
einen zu sehen. Oder sie können nicht mehr daran glauben, haben einfach nicht mehr die
Kraft umzukehren, schwimmen immer weiter in das Chaos bis sie verschluckt werden. Bis der
Schmerz, die Ungewißheit, die Hoffnungslosigkeit so groß wird, daß sie das Gefühl
haben, in ein tiefes unbarmherziges Schwarzes Loch zu fallen dessen Kälte sie verbrennen
will. Diese Menschen sind Krank, seelisch so krank wie man das körperlich vielleicht
nicht sein kann und sie möchten nur noch ihre Ruhe, möchten schlafen, wie schön muß es
für sie sein nicht mehr denken zu müssen. Ich selbst bin viele Nächte immer wieder zu
der selben Brücke über einer stark befahrenen Straße gegangen, habe dort gestanden und
nachgedacht. Habe daran gedacht wie es wäre jetzt zu springen. jetzt meine Ruhe zu haben.
Ich bin Auto gefahren in diesem Zustand, der sich sporadisch immer wieder eingestellt
hatte. Ich weiß, daß ich nicht vorsichtig gefahren bin und es ist nicht übertrieben
wenn ich schreibe, daß es mir egal gewesen wäre wenn etwas passiert wäre, manchmal habe
ich es mir gewünscht. Es hätte so schön natürlich und unglücklich ausgesehen und ich
hätte meine Ruhe gehabt. Ich habe es nicht gemacht und mir ist nichts passiert. Das
Schicksal scheint andere Pläne mit mir zu haben. Trotz allem bin ich viel zu stark um
mich auf diesem Weg zu verdrücken und die Gefahr besteht auch nicht mehr, es sei den aus
gesundheitlichen Gründen. Den einzigen Gründen, die ich akzeptieren würde, wenn es
darum geht sich selbst zu erlösen.
Aber wie oft hört man von einem Selbstmord oder einem Versuch von dem man doch ganz
offen sagen muß, daß es absolut unnötig war. Wo man hinterher den Mantel des Schweigens
darüberhängt, dem Opfer eventuell die Schuld zuschiebt obwohl man sich doch klar
darüber sein müßte, daß hier wahrscheinlich nur ein einziger Mensch gefehlt hat. Ein
Mensch der zuhört, der spricht, ein Mensch der einfach nur da ist. Wieviel wären
gerettet worden wenn sie nur das Gefühl gehabt hätten, da ist einer zu dem ich gehen
kann, mit dem ich reden kann. Wenn nur in dieser schwachen Stunde einer dagewesen wäre.
Das muß kein Verwandter sein, kein besonders guter Freund - ganz einfach ein Mensch der
bereit ist. Für einen anderen etwas von seiner Zeit zu opfern. Zu schauen wie geht es dem
den. Nicht nur einmal zu fragen, auf die Schulter zu klopfen und dann wieder zu gehen.
Einfach mal da sein, mal anrufen, sprechen, sich auch mal in die Nesseln setzen. Wenn man
dreimal zu aufdringlich war und nur einmal geholfen hat, dann ist es dieses eine mal Wert
gewesen und man wird schon merken, wer wirklich Hilfe braucht, wenn man bereit ist sie zu
geben. Ich bin nicht so blauäugig zu glauben, daß das ein Allheilmittel wäre, daß so
allen geholfen werden kann aber ich habe erlebt wie das ist wenn man dicht vor einem
Kurzschluß steht und dann noch blöd angequatscht wird, von wegen : >Wird schon nicht
so schlimm sein< und >Kopf hoch - Zeit heilt alle Wunden<. Der dämlichste Spruch
ist >Anderen geht es genauso. Glaubst du, du wärst der einzige der Probleme hat<.
Solcher Mist ist der beste Weg einem wirklich depressiven und gefährdeten den letzten
Stoß zu geben, den er noch braucht um abzuspringen. Es hilft nicht zu wissen, daß es
Abermillionen genauso schlecht geht, es hilft nur zu wissen wie man aus dieser Lage wieder
herauskommt. Was kümmern mich in diesem Moment die anderen Verrückten. Im Gegenteil ich
würde sie gerne Einladen zum Massensprung.
Schwarz, Kafka und Selbstmord sind keine Themen die meine Stimmung heben könnten.
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