Schritte knirschten
im Schnee. Der dick eingepackte Mann mit der blau-roten Pudelmütze, die er bis über die
Ohren gezogen hatte und die nur sein gerötetes Gesicht freiließ, fluchte leise und griff
mit der linken Hand, seitlich nach dem Mauervorsprung, um sich wieder hochzuziehen. Auf
halben Weg glitt ihm der Halt aus den unförmigen Handschuhen und er fiel wieder hin.
Hinter ihm lachte eine kindliche Stimme belustigt auf. >Verdammt<, konnte er sich nicht mehr beherrschen und schnaubte den kleinen Jungen auf dem Schlitten an.>Jungs die ihren
Vater auslachen, laufen gleich selbst und ziehen ihren Schlitten.Dir werde
ich helfen !<, rief der Mann aus und gab dem Schlitten einen kurzen Stoß, wodurch dieser Anstalten machte, den flachen Abhang hinunterzugleiten. Der Mann sah natürlich, daß nichts passieren konnte, doch wenn sein Plan funktionieren würde, dann müßte der Kleine in einem dicht zugeschneiten Busch landen und wahrscheinlich, durch eine schöne Ladung des pulvrigen Schnees, in einen putzigen Schneemann verwandelt werden. Während der Schlitten immer schneller wurde, jauchzte der Kleine begeistert auf und klammerte sich an den seitlich vorstehenden Holzgriffen fest. Immer weiter ging die holprige Fahrt und einige Male machte das Gefährt Anstalten umzukippen, wobei der Junge drohte herunterzufallen, aber eisern hielt er sich aufrecht und lachte dabei immer noch.
Inzwischen war es dem Mann gelungen sich aufzurappeln ohne wieder
hinzufallen. Wie er seinen Sohn auf dem altmodischen Holzschlitten den Abhang scheinbar
hinunterfliegen sah, verwandelte er sich für kurze Zeit zurück in jenen kleinen Jungen
der er war, als er früher mit seinem Vater an genau der gleichen Stelle mit eben
demselben Schlitten gespielt hatte und während er sich in diese Zeiten zurückfallen
ließ, rannte er ausgelassen seinem Sohn nach, so wie dies früher sein Vater getan hatte.
Tatsächlich fuhr der Schlitten direkt in den großen Busch und der Junge flog geradezu
auf einen der vorgestreckten Äste des mächtigen Busches zu, um dann innerhalb des
Gestrüpps zu verschwinden und nicht mehr aufzutauchen.
Vor dem Busch angekommen, konnte der Mann seinen Sohn nirgends
entdecken. Seine schlichte und bereits gut aufgetragene Jacke wirkte, als wäre sie mit
ihm verwachsen. Vor seinen altmodischen Schnürstiefeln lag der Schlitten im Schnee. Er
hatte sich überschlagen und der Mann blickte auf die sauberen und gepflegten Kufen,
welche keinerlei Spuren von Rost entdecken ließen, wie er befriedigt feststellte. >Es
ist ein guter Schlitten<, dachte er. Sein Vater hatte diesen Schlitten damals, im
Winter Neunzehnhundertfünfzig, für ihn gekauft. Oft mußte er an seinen Vater denken,
doch immer wieder wurde ihm bewußt, daß er sich kaum noch an seinen Vater erinnern
konnte. Mit der Zeit war das Bild in ihm verblaßt. Übrig geblieben waren jedoch eben
immer wieder die glücklichen Tage dieser Schlittenfahrten in jenem kalten und so schönen
Winter. Niemals hätte er damals daran gedacht, daß es der letzte Winter mit seinem Vater
gewesen sein sollte. Vielleicht hätte er diese Zeit besser ausgelebt? Doch was sollten
diese trüben Gedanken, rief er sich selbst zur Ordnung und begann Ausschau nach seinem
Sohn zu halten.
Der Kleine ließ sich immer noch nicht blicken und der Mann rief seinen
Namen. Es war ihm nun doch unwohl geworden, obwohl der Busch so weich und gemütlich
aussah und wenn man schon mit einem Schlitten in einen Busch fahren sollte, dann am Besten
in jenen vor ihm. Er bog die Zweige besorgt auseinander und streckte den Kopf in das
Gebüsch. Gerade wollte er den Mund öffnen, als ihm ein Schwall Schnee entgegengeflogen
kam, der sich sofort in seinem Gesicht verteilte. Der Junge schrie vor Begeisterung auf
und lachte erneut. >Na warte<, rief der Mann und zog den Kleinen mit beiden Händen
hervor. >Na warte<, sagte er noch einmal, nun selbst lachend und wälzte sich mit
ihm im tiefen Schnee. Nach einer wilden Schneeschlacht blieben Beide heftig atmend, aber
glücklich liegen. Der Mann hatte den Jungen auf seine Brust gelegt und starrte in den
Himmel.
Der plötzliche Wintereinbruch hatte die ganze Landschaft verändert.
Der Schnee lag, wie eine schützende Decke, über der Welt. Sauber und weiß, als wolle er
sie reinigen, die Probleme lösen, indem er sie hinter seinem reinem Angesicht versteckte.
Der Mann dachte an den Schein, der diesem Bild innewohnte, daran daß nichts besser wird
durch dieses Verstecken, höchstens für eine Weile erträglicher. Für den Kleinen galt
das natürlich noch nicht. Er findet alles nur schön. Zärtlich betrachtete der Mann das
kleine glückliche Gesicht seines Sohnes und hoffte, daß es noch lange dauern würde, bis
dieses Gesicht die harten Züge eines desillusionierten Erwachsenen aufweisen würde.
Doch da überschattete ein plötzlicher Schreck die zuvor entspannten
Züge. Der Kleine deutete über den Kopf seines Vaters hinweg, sagte aber nichts. Mit dem
Jungen im Arm richtete sich der Mann auf, um zu sehen, was da sein könnte.
Dicht vor ihnen zeichneten sich kleine Kampfspuren im Schnee ab.
>Tiere<, dachte der Mann sofort. Einige Schritte weiter hatte sich der weiße Schnee
offenbar mit roter Farbe vermischt. Der Mann setzte den Kleinen ab. >Das mußte er
nicht sehen<, meinte er bei sich, während er zu der Stelle ging. Es war zweifellos
Blut und unter der dünnen Neuschneedecke konnte er die Konturen eines Tierkörpers
erkennen. Ein Vogel vielleicht. Nach einem kurzen Blick wandte er sich seinem Sohn zu und
sagte >Da ist nichts. Komm wir gehen weiter. Wir müssen langsam heim, essen machen.
Deine Mutter wird auch bald Feierabend haben.< Widerwillig ließ sich der Junge an die
Hand nehmen und ging mit dem Vater mit. Aber er hatte schnell das scheinbar Gesehene
vergessen, denn vor ihm lag ein kleiner zarter Vogel. Neugierig bückte sich der Junge mit
der Absicht das Tier anzufassen, doch der Vogel war noch nicht tot und versuchte
verzweifelt mit seinen letzten, schwachen Kräften zu fliehen. Jetzt hatte auch der Mann
den Vogel bemerkt und er zog seinen Sohn sachte zurück. Behutsam nahm er seinen Schal von
der Schulter und hob den Vogel vorsichtig hoch. Dieser hatte aufgegeben sich zu wehren und
ließ nun alles widerstandslos mit sich geschehen. Der Mann packte den Vogel ebenso
vorsichtig in den Schal und sagte zu dem Jungen >Den nehmen wir mit. Vielleicht können
wir ihm noch helfen.< Der Mann dachte zurück, dachte an seinen Vater. Während er die
Schnur des Schlittens in die eine Hand nahm und in der anderen den eingepackten Vogel
behutsam fest hielt, machten sich die Beiden auf den verschneiten Wegen daran, nach Hause
zu gehen.
Nachdenklich schaute der Mann aus dem Fenster auf die verschneite
Stadt. In der Ferne konnte er die sanften Wellen des völlig mit Schnee bedeckten Waldes
sehen. Es dämmerte bereits und in der Stadt waren so nach und nach die Lichter in den
Häusern und die festliche Straßenbeleuchtung aufgeleuchtet. In der fortschreitenden
Dunkelheit schienen sich die Lichter in einem überirdischen Takt zu bewegen. Er konnte
die vielen Tannenbäume sehen, welche mit langen Lichterketten geschmückt, ihren wohligen
Schein in die kalte Nacht abgaben, als wollten sie sagen >Schlaft gut Leute, es kann
euch nichts passieren, wir sind für euch da<.
Morgen ist der 24. Dezember - Weihnachten. Früher hatte man in seiner
Familie am ersten Weihnachtsfeiertag richtig gefeiert, aber er war nach seiner Heirat und
nachdem das Kind gekommen war, auch mit der Zeit gegangen und so würde morgen bereits
alles über die Bühne gehen. Sie würden wieder versuchen ein schönes Fest daraus zu
machen. Nicht zu verrückt, nicht zu groß, vielleicht schön. Für seine Frau hatte er
auch eine Kleinigkeit. Einen wunderschönen Anhänger in der Form eines aufsteigenden
Einhorns mit kleinen Edelsteinen. Eigentlich konnten sie sich so etwas überhaupt nicht
leisten, aber sie würde auch etwas für ihn haben und dann hatten sie natürlich zusammen
etwas für ihren Sohn ausgesucht. Er schenkte gerne zu Weihnachten. Es gehörte für ihn
einfach dazu den Menschen die er liebte eine Freude zu machen. Seine Frau würde es
verstehen, wie sie es immer schon fertig brachte Verständnis für ihn zu zeigen, wenn er
solche Sachen tat, den sie wußte was es für ihn bedeutete. Sonst würden auch nicht
viele der Verwanden und Bekannten etwas bekommen.
Die Nacht hatte nun die letzten Lichtstrahlen verdrängt und in dem
glänzenden Schein der Lichter glitzerten viele kleine Schneeflocken wie Abermillionen
festlicher Diamanten. >So richtig schön kitschig<, dachte er bei sich aber es
löste auch ein seltenes Gefühl der Geborgenheit aus. Der Mensch braucht ab und zu diesen
Kitsch und er war gerne bereit sich einfach mal fallenzulassen. Warum sollte er aus seinem
Herz eine Mördergrube machen nur weil alle Welt dieses Gefühl verloren zu haben schien.
Ihm gefiel dieser stille kleine Kitsch. Sein persönlicher Kitsch.
Er erinnerte sich an eine Weihnachten vor vielen Jahren. Damals war er
fünf Jahre alt gewesen - oder war er vier? Er wußte es nicht mehr genau. Zu viel war
inzwischen geschehen, aber an jenem Weihnachtstag war ebenfalls ziemlich viel Schnee
gefallen. Normalerweise fiel der erste Schnee immer erst lange nach Weihnachten. Damals
jedoch schneite es bereits am Weihnachtstag und damals hatte die ganze Familie auch am
Fenster gesessen, in den schwindenden Tag hinausgeschaut und die Schneeflocken auf ihrem
Weg vom Himmel herab beobachtet. Den ganzen Abend saßen sie so da, die Kerzen brannten
nach und nach herunter und Mutter holte immer wieder neue Kerzen aus einer schlichten
Kiste hervor, die dann von seinem Vater angezündet wurden, obwohl die doch eigentlich
für alle Feiertage bestimmt gewesen waren. Er hatte den Abend auf dem Schoß seines
Vaters verbracht und als wäre es heute Abend und sein Vater wäre wieder hier bei ihm,
erinnerte er sich an die vielen Geschichten die ihm sein Vater erzählte, während sie
einfach nur schauten. Die Geschichten und die Schneeflocken waren das schönste
Weihnachtsgeschenk, daß er jemals bekommen hatte. Jede schimmernde Flocke, welche von den
damals noch kärglichen Lichtern, es war kurz nach Kriegsende gewesen, in funkelnde Sterne
verwandelt wurde, erweckte eine der Gestalten und eine der Geschehnisse der Geschichten
auf magische Art und Weise zum Leben. Diese Weihnachten erhielt er zum ersten und
vielleicht zum einzigen Mal das Gefühl gehabt, es gäbe wirklich einen Gott und das
Jesuskind würde tatsächlich irgendwo in seiner Krippe liegen. Nun ja, mit fünf Jahren
konnte man sich solche Sachen noch ganz gut vorstellen, doch in seiner Familie wurde auf
diese Geschichten keinen großen Wert gelegt. Manchmal hatte er seinen Vater sagen hören,
>Es kann keinen Gott geben. Er würde das nicht zu lassen.< Aber sein Vater sagte es
nur, wenn er dachte seine Kinder würden es nicht hören. Er hatte es gehört und er
hörte immer auf das was sein Vater sagte. Die Zeiten waren schlecht damals und heute
wußte der Mann, daß es sein Vater eigentlich nicht so meinte, wie er es verstand.
Arme Weihnachten waren es gewesen, aber die reichsten von den
Erinnerungen her gesehen. Niemals wird er diese Nacht vergessen und er verspürte den
Wunsch, seinem Sohn einmal dieses Gefühl geben zu können. Das Gefühl etwas Bedeutendes
zu erleben, daß Gefühl der Liebe und der Zusammengehörigkeit wie man es heute nicht
mehr finden kann. Wie auch er es manchmal verloren zu haben glaubt.
Auf dem kleinen wackligen Tisch, der neben dem wohlig warmen
Heizkörper stand, hatte der Mann einen großen Karton gestellt. In dem Karton saß, oder
lag vielmehr, der kleine Vogel den sie am Mittag im Park gefunden hatten. Zu Hause hatte
er das Tier näher untersucht. Der Vogel war viel zu schwach gewesen um sich noch zu
wehren. Außerdem schien ihn die plötzliche Wärme den letzten Widerstand zu nehmen.
Schnell mußte der Mann erkennen, daß beide Flügel verletzt waren und der kleine Kerl
wahrscheinlich seit einigen Tagen nichts mehr zu Fressen gefunden haben mochte. Seine
kleinen Knochen fühlten sich wie spitze Drähte unter den Federn an. Dem Tier war
wahrscheinlich nicht mehr zu helfen und der Tierarzt wäre heute auch nur für ganz
dringende Fälle zu stören gewesen. Es war die Natur, die diesen Vogel so heimgesucht
hatte und er fühlte, daß ihm in diesem Fall nicht das Recht zustand sich einzumischen,
außerdem hätten sie es sich auch nicht leisten können - im Moment - wie er sich sagte.
Dennoch baute er die Kiste auf, fütterte sie mit weichem Papier und gab dem Vogel zu
trinken und ein wenig von dem Futter, welches sie normalerweise auf der Veranda
verstreuten. Er wußte nicht genau warum er es überhaupt tat, vielleicht weil Weihnachten
war, vielleicht weil ihm der Vogel die Erinnerungen an früher zurückbrachte und er sich
selbst einredete diese Weihnachten noch einmal mit seinem Vater zu verbringen. Vielleicht
auch nur, weil ihm in dem Augenblick, als er diesen Vogel auf dem Boden liegen sah, es wie
ein Messer in ihn gefahren war und er sich genau jene Szene vorstellte, welche er so gut
kannte aus jener Geschichte, die sein Vater einmal für ihn geschrieben hatte.
In dem Winter bevor sein Vater starb war es seiner Familie sehr
schlecht gegangen und die Not schien ihrem Höhepunkt erreicht zu haben. Es war abzusehen,
daß das Weihnachtsfest sehr trist und traurig werden würde und da sie dies wußten,
bereiteten sie sich schon in den Wochen vor Weihnachten darauf vor. Er hatte damals gar
nicht bemerkt wie krank sein Vater gewesen war und er hatte auch nicht bemerkt, daß
dieser sich Abends immer in die kleine Kammer einschloß, in der seine Mutter
normalerweise ihre Handarbeiten erledigte. Es würde diesmal keine Geschenke geben, wußte
er und da er das war, was man im Allgemeinen als guten und verständigen Jungen
bezeichnete, fand er sich bald damit ab. Im nächsten Jahr wäre er zehn Jahre alt
geworden und er hatte in den letzten Monaten sehr viel gelesen. Er war zu einem richtigen
Bücherwurm geworden und verschlang geradezu alle Geschichten, die er sich von der
städtischen Bibliothek besorgen konnte. Für seinen Vater jedoch war es unvorstellbar
gewesen kein Geschenk für seinen Sohn zu haben und so hatte er sich Abend für Abend
hingesetzt und eine Geschichte geschrieben. Für das Papier, welches er in der ansässigen
Druckerei erhielt, erledigte er ab und zu einige Botengänge und die Tinte für seine alte
Feder, überließ ihm der dortige Redakteur, mit dem er schon seit der Schulzeit
befreundet war. Am Weihnachtsabend war er dann fast so aufgeregt gewesen, daß man hätte
glauben können er solle selbst das Geschenk bekommen. Die beschriebenen Blätter waren
fein säuberlich geordnet und mit Seitenzahlen beschriftet, in einem schönen grünbraunen
Ordner aus starker Pappe gelegt, der mit einem schwarzen Gummiband umschlossen war. Der
Mann, damals Junge war aus allen Wolken gefallen und stand völlig sprachlos, den Ordner
in der Hand vor seinem Vater, der sagte daß es nichts besonderes sei, aber weil er doch
so gerne lesen würde und vielleicht würde er dann immer ein wenig an seinen alten Vater
denken. Es wurde eine lustige Weihnachten, vielleicht nicht die schönsten aber sicher die
lustigsten Weihnachten überhaupt.
Er hat die Geschichte sehr oft gelesen, auch wenn sie vielleicht nicht
besonders literarisch war und auch nicht besonders glücklich ausging. Es schien, als
wäre dem Vater sein naher Tod während des Schreibens bewußt geworden - vielleicht war
das auch so gewesen? - und so wurde die Geschichte trauriger, wie sie hätte sein müssen.
Trotzdem war es die Geschichte, die sein Vater für ihn geschrieben hatte und es war für
ihn die beste Geschichte die es gab.
Aus der Kiste konnte er kratzende Geräusche hören. Vorsichtig erhob
er sich aus dem Sessel und spähte über den Rand hinein. Der Vogel hatte sich aufgerafft
und einige Körnchen gefressen. Gerade war er dabei ein wenig Wasser zu probieren.
>Irgendwo muß der Ordner doch noch sein<, sagte der Mann zu sich
und ging zu dem Schrank in dem er die paar wichtigen Papiere aufbewahrte die er besaß.
Tatsächlich fand er nach einigem Wühlen, ganz weit hinten im Schrank versteckt, den
inzwischen ziemlich zerrissenen Ordner. Das schwarze Gummiband war nicht mehr und er wurde
statt dessen von einer Schlaufe aus Paketschnur umschlossen, der nun den Ordner
zusammenhielt. Das Grünbraun war auch nicht mehr als solches zu identifizieren und er
dachte daran, daß er sich schon lange einmal vorgenommen hatte den Umschlag zu erneuern.
Vorsichtig legte er das Paket auf den Küchentisch, setzte sich und öffnete den Deckel.
Den Blättern sah man zwar das Alter an aber sie waren noch gut zu lesen.
Gedanken zu der Geschichte des Vogels im
Turm
Ich kann mich noch sehr gut erinnern an dieses nette, junge aber auch,
wie es mir schien, so unsichere, verletzliche Mädchen. Ja es kommt mir wieder klar in den
Sinn - und doch andererseits scheinen die Erinnerungen von einer unerklärlichen Ferne
überschattet zu sein. So unerreichbar fern wie die Sonne, welche von dichten
Nebelschwaden an einem Herbstmorgen umfangen wird. Als wären Ewigkeiten vergangen seit
jener Stunde, in der ich erfuhr von jenem Gleichnis. Aber immer wenn ich daran denke,
vermeine ich abzugleiten, zu entschwinden in eine ferne und unwirkliche Welt dieses
Vogels. Dieses Vogels in seinem Turm. Es ist ein dunkler und hoher Turm. Fest und stark
gebaut in einer fernen Zeit steht er düster und drohend da, bereit alles abzuwehren,
jedem Feind zu trotzen. Ein Turm der aus der Leere der Welt herauswächst, bei dessen
Anblick man das Gefühl hat, ins Bodenlose zu fallen. Ein Turm ohne Eingang. Eine Tür
falls es sie je gegeben haben sollte, ist längst verschwunden, zugewuchert von dornigen,
sich feindlich nach außen streckenden, undefinierbaren Gebüsch. Längst vergessen ist
dieser Eingang. Doch wer hätte wohl schon den Wunsch, zu erkunden was sich hinter diesem
unfreundlichen Gemäuer verbergen mag. Möglich das sich manch Reisender, welcher
vorüberzog, die Frage stellte, ob sich nicht doch etwas erstrebenswertes im Inneren
befinden würde und so manch einer mag versucht haben zu erkunden ob es ihm den gelingen
könnte, einen Eingang zu finden. Aber all die mutigen Gesellen mußten sich schließlich
unverrichteter Dinge ihres Weges zuwenden und etlichen davon fügten die zornigen Büsche
tiefe Wunden zu, welche oft niemals mehr ganz verheilten. Zu tief hatten die Stacheln
gestochen, zu schmerzlich waren die Narben..
So kam es mit der Zeit, daß dieser dunkle Geselle aus hartem, kalten
Gestein, bei den Leuten und den Tieren der Umgebung, in Vergessenheit geriet. Nur an
langen Abenden munkelte man noch von unheimlichen Geschichten und Sagen, aber es wurden
immer weniger die sich noch erinnern konnten.
Doch an einem schönen Tag im Herbst, sollte der Geschichte des Turmes
ein weiteres trauriges Kapitel angefügt werden. Es war ein wirklich schöner Tag, die
Sonne bedeckte die Erde mit sanften Strahlen und eine liebliche und friedliche Ruhe lag
über der Natur. Alles schien glücklich und zufrieden zu sein und der Tag versprach viel
Freude zu bringen. An diesem Morgen kam ein kleiner Vogel in die Gegend des Turmes
geflogen. Es war ein Vogel, der eine lange Reise hinter sich hatte und von weit her kam.
Er war unscheinbar und klein. In seinem grauen Gefieder schien er sich zu verstecken,
schien mit der Welt nichts im Sinn zu haben, immer auf der Suche nach dem eigenen Weg. Auf
der Suche nach einer Bleibe für heute, unstet weiterziehend morgen. Er schien niemanden
zu brauchen und sich nicht aufhalten zu lassen auf seinem Weg. Doch andererseits wirkte er
auch zerbrechlich und verletzbar, alles abwehrend was ihm zu Nahe kommen könnte. Er war
noch nicht lange unterwegs gewesen an jenem Tag, als er in der Ferne den Turm erspähte,
von dem eine seltsame Anziehungskraft auf ihn ausstrahlte. So entschloß er sich
kurzerhand zu ihm hinzufliegen. Er dachte sich nichts dabei, nur einmal anschauen wollte
er ihn. Vielleicht aus der Nähe sehen, eine kurze Rast einlegen und dann weiter. Seltsam
sah er aus der Turm. Seltsam und doch interessant, reizvoll, nicht abschreckend sondern
irgendwie vertraut.
Bei dem Turm angekommen ließ er sich ohne Scheu oben auf dem Dach
nieder und ein Gefühl der Geborgenheit versuchte sich sachte einen Weg in ihm zu
ertasten. Plötzlich vermochte er einen Hauch von Leben in dem Turm zu verspüren. Und
tatsächlich weit, ganz weit oben hatte die Trutzburg eine Öffnung. Es war eine kleine,
winzige Öffnung. Viel zu klein um hineinkommen zu können, aber groß genug, um einem
leisen Gesang die Möglichkeit der Flucht zu bieten. Es war ein sinnlicher und lieblicher
Gesang, obwohl kaum vernehmbar, bestand doch kein Zweifel, daß es nur der seltsam zarte
und klagende Gesang eines anderen Vogels sein konnte. Eines sicherlich sehr kleinen Vogels
mit einer einsamen zerbrechlichen Seele. In dem Gesang lag eine unheimliche Ferne.
Es mag sein, daß schon früher irgend jemand diesen Gesang gehört hat,
doch jeder der ihn vernahm war schmerzlich berührt und fühlte sich so hilflos und fremd.
Keiner konnte oder wollte ihn verstehen. Der Turm zeigte sich zu feindselig, als daß man
sich wirklich vorzustellen vermochte, es wäre etwas in ihm, daß diesen Gesang, dieses
Gefühl verursachen könnte. Niemand hatte Lust sich um die Herkunft des Gesanges zu
kümmern. Viel zu schlecht war der Ruf des Turms und zu tief die Erinnerung an die Wunden.
Jeder meinte mit sich selbst genug zu tun zu haben und bald hörte keiner mehr das leise
klagende Flehen und Rufen.
Der kleine Vogel jedoch hörte diesen Gesang sehr wohl und er vermeinte
eine überraschende und gleichwohl erschreckende Erkenntnis in diesem Lied zu finden. Es
schien so als würde da jemand seine Gefühle und Sehnsüchte artikulieren, so wie er es
nie gekonnt hatte. Nun da sein Interesse geweckt war, wollte er unbedingt nach der Quelle
des Gesanges suchen und so flog er einige Male vorsichtig und doch bestimmt suchend um den
Turm herum, immer darauf bedacht den unbekannten Sänger nicht zu verschrecken oder ihn
gar zu vertreiben. Schließlich näherte er sich der kleinen Öffnung, aus der er das
Singen zu vernehmen glaubte. Auf einem Ast, welcher aus einem großen, alten, knorrigen
Baum hervorging und der bis hoch hinaus ragte, sich zu der Öffnung einladend hinstreckte,
ließ er sich nieder und horchte hinein in das Lied, welches aus der dunklen Tiefe
hervordrang.
Nach einer Weile endete der Gesang und eine gespannte Ruhe machte sich
über der Szenerie breit. Eine Ruhe, die dem kleinen Vogel ein seltsam schmerzendes
Gefühl von Einsamkeit gab. Er fühlte sich sehr Unsicher, nicht wissend was er mit dieser
Situation anfangen sollte. Er fühlte nur, daß er irgend etwas tun mußte um den Zauber
der ihn umfangen hatte nicht zu verlieren. Gefahr schien ihm nicht zu drohen, im Gegenteil
ihn irritierte die spürbare Verletzbarkeit. Es war ihm so, als wäre er die Gefahr. Nach
kurzem Zögern gab er sich schließlich einen Ruck und fragte mit fester Stimme in die
Finsternis hinein:
>Hallo! Du da drinnen! Ich habe Deinen Gesang gehört und finde ihn
wunderschön. Wer bist Du denn? komm doch mal heraus. Hallo hörst Du mich?<
Dabei hüpfte er unruhig auf dem Ästchen hin und her. Es schien so als
wäre der Andere nicht mehr da, doch plötzlich fragte eine zarte und wunderschöne Stimme
zurück:
>Wer hat da gesprochen? Ist da etwa jemand vor meinem Turm? Oh, daß
wäre aber schön wenn mich einmal jemand besuchen würde. Wer bist Du Fremder? Hat Dir
mein Gesang wirklich gefallen? Bist Du noch da?<
>Natürlich bin ich noch da<,
meinte der kleine Vogel,
>Ich komme von weit her und mein Name ist wie der Wind in dem ich
fliege, aber warum kommst Du nicht raus und redest mit mir?<
Doch die Stimme aus dem Turm erwiderte:
>Ich bin hier gefangen und kann nicht heraus. Ich bin ein kleiner
Vogel und schon immer hier in diesem Turm gewesen seitdem ich denken kann. Ich dachte
immer ich wäre allein und es würde außerhalb des Turmes nichts geben. Bitte, bitte
erzähle mir doch wie es dort aussehen mag.<
Da hatte der kleine Besucher sehr großes Mitleid mit seinem
Artgenossen, der offenbar hier gefangen war und fing an über alles Mögliche zu
erzählen. Er schilderte die Wälder, die Wiesen, die Äcker. Er beschrieb Flüsse und
Seen, die Weite der Ozeane. Sprach von fernen Ländern, von Menschen und Tieren. Erzählte
von den anderen Vögeln. Der Schönheit eines Sonnenunterganges, der Frische eines
Frühlingsmorgens und der Wohltat eines Sonnentages.
Aber als er dann zu schwärmen anfing, von der Einzigartigkeit des
Fliegens, von dem Gefühl die ganze Welt zu beherrschen, der Weite des Himmels, des
Spieles mit dem Wind und der unendlichen Ferne des Horizontes, wurde der Vogel in dem Turm
immer unruhiger. Immer wieder wollte er mehr hören und es genauer beschrieben haben. Nein
das konnte er sich nicht vorstellen - fliegen, wie das sein sollte, aber es schien
wunderschön und erstrebenswert zu sein. Zusammen mit anderen durch die Lüfte gleiten,
nicht mehr allein sein müssen. Aber andererseits hatte er auch Angst davor. Allein sein,
daß kannte er, aber der Gedanke an das andere machte ihm Angst und weckte gleichzeitig
ein Gefühl der Sehnsucht. Etwas was schon immer in ihm geschlummert hatte, daß nur
darauf gewartet hatte geweckt zu werden. Aber plötzlich wurde er sich noch eines Gefühls
bewußt, - der Einsamkeit. Niemals vorher war ihm dieser Zustand als wirklich unangenehm
aufgefallen, er kannte es ja nicht anders, aber nun machte sich ein merkwürdiges
Verlangen in ihm bemerkbar. All diese Dinge verwirrten ihn. Es waren so viele neue Sachen
die er da hörte, soviel was er sich gar nicht richtig vorstellen konnte, was ihm so
unendlich fremd erschien und doch hatte er auf einmal das Bedürfnis diese ganzen Dinge
selbst zu sehen, sich selbst davon zu überzeugen. Er fühlte, daß ihm der Vogel die
Wahrheit sagte und fühlte, daß dies eigentlich auch sein Leben sei. Das Leben, welches
er immer in seinen Liedern besungen hatte, von dem er insgeheim wußte und träumte. Aber
es war ihm niemals in den Sinn gekommen, daß dies alles mehr sein sollte als nur ein
Traum. Niemals hatte er wirklich versucht hinauszuschauen niemals versucht sich zu
befreien, aber woher hätte er auch wissen sollen. Soweit er sich zurückerinnern konnte
war er in diesem Turm, niemals hatte ihm irgend etwas gefehlt und er hatte sich auch
niemals gefragt woher sein Futter kam, es war ganz einfach immer da gewesen. Es war immer
alles da gewesen, aber nun sah er, daß es da offenbar noch viel mehr geben mußte, daß
er eben nur das kannte, was er immer gesehen hatte. Es schien ihm so als würde alles um
ihn herum zusammenfallen, als ob sein Leben, die Dinge die er kannte, sich plötzlich von
ihm abgewendet hatten, plötzlich fremd und unwirklich waren. Gedankenfetzen suchten sich
einen Platz in seinem Gehirn. Er wußte nicht - Nein - aber er fühlte, daß es früher
anders gewesen sein mußte. Früher, irgendwann vor langer Zeit. Aber was war da nur?
Still und in sich zusammengekauert saß er nun da, die Dämmernis in der
er sich befand wahrnehmend, als ob es sie vorher niemals gegeben hatte. War es nicht eben
noch hell gewesen? Ja, für ihn war es hell gewesen. Und der Raum? Fremd und kalt. Es
fröstelte ihn. Was war mit ihm geschehen? Wieso war plötzlich alles so anders, als noch
eben gerade. Sein Heim, eben noch Sicher und Warm voll Geborgenheit und nun?
Dem kleinen Vogel, der vor dem Turme bis dahin fröhlich erzählte,
wurde es auf einmal kalt ums Herz. Ein Tiefes abschreckendes Gefühl der Trauer und der
Einsamkeit schlich aus dem Inneren des Turmes auf ihn zu. Über seine eigenen Erzählungen
war er so ins Schwärmen geraten, daß er um sich herum alles vergessen hatte, aber jetzt
merkte er, daß es ruhig geworden war und sein kleiner Freund schon lange nichts mehr
gesagt hatte. War er am Ende nicht mehr da? Aber Nein, daß konnte nicht sein, er sagte
doch selbst, daß er nicht heraus könne aus seinem Gefängnis. Wo sollte er also hin
sein? Aber andererseits, wenn er sich die Öffnung so anschaute, so erschien sie ihm gar
nicht so klein. Zumindest er würde Vielleicht schon hindurchpassen wenn er sich
anstrengte.
Ein unbehagliches Gefühl beschlich ihn. Hatte er Vielleicht etwas
falsches gesagt, hatte er übertrieben? Er wußte wohl, daß er sich manchesmal selbst
vergaß wenn er ins Erzählen geriet. Ängstlich fragte er in die Finsternis hinein:
>Du, sag doch etwas, habe ich irgend etwas falsches gesagt? Warum
bist Du denn so ruhig.<
Aus dem Turm war jedoch keine Antwort zu vernehmen und so faßte er sich
ein Herz und flog zu dem kleinen Eingang hinüber, um zu erkunden, ob er nicht doch hinein
könnte und wenn es ihm nur gelänge hineinzusehen.
Und tatsächlich, der Eingang war groß genug für ihn. Mutig tastete er
sich in der Dunkelheit voran. Dabei sagte er mit unsicherer Stimme:
>Hörst Du mich? Der Eingang war groß genug für mich. Ich komme
jetzt zu Dir, wenn Du nichts dagegen hast, oder möchtest Du nicht das ich komme? Dann
mußt Du mir das sagen.<
Während er so sprach, war er bereits in den Raum innerhalb des Turmes
eingetreten. Langsam gewöhnte er sich an das dustere Licht, welches sich durch
irgendwelche Ritzen sein Weg zwischen den gewaltigen Steinen der Mauer hindurch bahnte,
hinein in den Turm und dort zu einer unheimlichen Beleuchtung führte. Zögernd verharrte
der kleine Vogel und versuchte zu erkennen, was um ihn herum zu sehen war. Wo war den der
Andere? Warum antwortete der den nicht? Da sah er plötzlich vor sich, nur ein paar kleine
Schritte entfernt, einen kleinen Vogel sitzen. Er war viel kleiner und wirkte viel
zerbrechlicher, als er das vorher gedacht hatte. Es war ein wunderschöner Vogel, schlicht
zwar sein Gefieder aber es wohnte eine geradezu überirdische Anmut und Grazie in ihm.
Verschreckt und mit großen Augen schaute er den Besucher an. Eine Spur von Panik, von
Angst und von Schmerz schienen diese Augen zu vermitteln. Bebend und Zitternd bewegte er
sich rückwärts.
>Was willst Du von mir? Wieso kannst Du zu mir rein?<
fragte er mit leiser Stimme und machte dabei große Augen.
>Aber das war doch kein Problem. Schau nur die Öffnung ist auch
groß genug für dich. Was ist nur mit dir? Du brauchst doch keine Angst vor mir zu haben,
ich bin doch dein Freund.<
>Freund. Was ist denn das - ein Freund? Ich weiß nicht was Du
meinst. Warum bist Du hergekommen? Warum läßt Du mich nicht in Ruhe? Ich bin so verwirrt
von all den Sachen die Du mir erzählt hast. Geh weg und laß mich allein. Warum
zerstörst Du mein Leben?<
Dabei wich er immer weiter zurück bis er schließlich an der Wand
anstieß und erschreckt zusammenzuckte.
>Aber das verstehe ich nicht<,
meinte der Besucher.
>Du hast mich doch nach diesen Dingen gefragt. Du wolltest doch davon
erzählt haben. Ich möchte dir doch nichts böses tun. Ich mag dich doch gut leiden. Was
hat dich denn so erschreckt, daß du so eine Angst vor mir hast und warum bist du
überhaupt hier drinnen in diesem Turm? Warum kommst du nicht heraus? Die Öffnung ist
doch auch für dich groß genug.<
Aber mit dem kleinen Vogel war nicht mehr zu reden. Er saß nur noch in
sich zusammengesunken in der Ecke und starrte in die Leere des Raumes. Es schien als wäre
er gar nicht mehr auf dieser Welt. Eine unerklärliche Veränderung war mit ihm
vorgegangen. Sicher er war wohl ein etwas seltsamer Zeitgenosse gewesen, aber zunächst
hatte er sich doch so normal benommen, schien sich so gefreut zu haben über den Besuch.
Und nun stand der Besucher vor ihm und fühlte sich schrecklich einsam. Unwirkliche und
bedrückende Klauen umklammerten sein Herz. Er wußte nicht wohin, nicht was er tun
sollte, was er getan hatte. Er dachte, er würde es nicht mehr aushalten, als wollte ihn
diese gemeinsame Einsamkeit mitreißen. Weg nur weg, dachte er und andererseits fühlte
er, daß sein Platz hier war, daß er irgend etwas tun sollte, tun mußte - irgend etwas ,
irgend etwas !
Als es ihn innerlich zu zerreißen drohte, siegte seine Feigheit über
das Gefühl hierbleiben zu müssen. Über die Aufgabe, daß zu richten was er zerstört
hatte. Taumelnd wandte er sich dem Ausgang zu, zunächst tastend, nichts findend, wie
blind sich bewegend, sprach oder vielmehr plapperte er noch Sätze, deren Sinn er selbst
nicht mehr begriff. Er versprach das er wohl wiederkommen würde, sprach um des Sprechens
wegen, floh, spürte das seine Worte nicht verstanden wurden, daß er nicht mehr wahr
genommen wurde. Licht, Licht und Luft, Raus!
Am nächsten Morgen wurde er früh wach. Die Natur um ihn herum war
trübe, erwachte träge aus einer unruhigen Nacht. Es war, als würde ein übler Traum auf
der Welt zu lasten. Unwirsch bogen sich die Zweige und Äste in einem harten,
unfreundlichen Wind. Am Himmel zogen graue Wolken, verschlafen und doch gefährlich
wachsam, ihres Weges. Es fröstelte ihn und er suchte einen Platz, der ihm mehr Schutz
bieten könnte als dieser Baum, der ihn mißtrauisch zu belauern schien. Was war nur
geschehen? Schemenhafte Erinnerungen suchten sich einen Weg in sein Bewußtsein. Er
fühlte sich völlig ausgebrannt und leer. Leer und verloren wie die ganze Weite dieses
Landes, welches ihm offenbar zu verstehen geben wollte, daß er nicht hierher gehörte.
Langsam, ganz langsam wurde ihm das Vergangene bewußt, erhielt das Erlebte neuen Inhalt,
neues Leben. Aber er konnte das alles nicht verstehen. Was war denn überhaupt geschehen?
Was war den mit ihm selbst los gewesen und warum hatte ihn das so getroffen, hatte er so
seltsam reagiert? Er verstand sich selbst nicht mehr. Sein Glaube, seine Lebenseinstellung
war ins Wanken geraten. Er sucht in sich nach alten Werten, Überzeugungen und fand nur
noch Fragen aber keine Antworten mehr. Wie schwach war er doch gewesen. Alles Lüge. Sein
gesamtes Leben, sein Auftreten alles Lüge.
Es war ein Gebäude ohne Fundament, ohne Halt. Sicher er konnte sich
einreden wie stark seine Lebensphilosophie sei, aber als sie zum ersten Mal auf die Probe
gestellt wurde, zerfiel sie, konnte sie ihm keine Kraft, keinen Halt geben. Zerflossen in
seiner Hand wie feiner, haltloser Sand. So sehr er sich aber auch über sich selbst
bewußt wurde, so sehr mußte er sich auch eingestehen, daß er den Anderen nicht
verstehen konnte. Nicht verstehen konnte, was in ihm vorgegangen sein mochte. Wie sehr er
sich verändert hatte in so einer kurzen Zeit, ohne daß er eine wirkliche Erklärung
dafür gehabt hätte. Was hatte er nur falsch gemacht. Er mußte ja wohl der Grund für
das Geschehen gewesen sein, oder etwa doch nicht?
Die Gedanken an den kleinen Vogel, Das Bild, wie dieser so verloren und
verängstigt sich in die dustere Ecke des Turmzimmers gedrückt hatte, ließen ihn nicht
mehr los. Nein, er war wohl ein Feigling und das wußte er auch, aber so konnte er nicht
gehen. Mit dieser Schuld wollte er sich auch nicht davonschleichen und so faßte er den
Entschluß, noch einmal zurückzukehren zu dem Turm. Was immer er auch getan hatte, es
mußte doch wieder zu richten sein.
Zwischenspiel : Sara
Die Geschichte von Sara liegt nun schon lange zurück - oder Vielleicht
doch nicht so lange, auf jeden Fall kann man sich nicht mehr vorstellen wie lange, denn
keiner erinnert sich mehr an diese Geschichte und keiner erinnert sich mehr an Sara. Es
mag durchaus daran liegen, weil Sara sich selbst nicht mehr an die Geschichte und an Sara
erinnert. So gesehen gibt es weder Sara noch ihre Vergangenheit und doch ist es keine
unbedeutende Geschichte. Sara war der Name eines kleinen und vor allen dingen jungen
Vogels. Man muß sagen eines sehr jungen Vogels. Die Geschichte wie Sara heranwuchs und
groß wurde birgt im Grunde nichts Besonderes in sich. Es ist eigentlich wie die
Geschichte jedes kleinen Vogels der groß wird. Man könnte sagen, daß alles ganz normal
war und nichts besonders Berichtenswertes dabei wäre, wenn da nicht die Tatsache der
Kleinheit von Sara auffallen würde. Sie fällt natürlich nur auf, wenn man weiß, daß
Sara's Eltern große und schöne Vögel waren. So groß, daß sie in ihrem Leben niemals
die Probleme hatten, welche andere, kleinere Vögel normalerweise haben. Natürlich ist
die Frage des Futters bei den großen Vögel schon etwas komplizierter, als bei den
kleineren Vögel, könnte man jedenfalls annehmen, doch vergißt man als Außenstehender
dabei leicht, wie schnell die Probleme der Ernährung großer Vögel ein primäres Problem
der kleinen Vögel wird. Außerdem setzt die zunehmende Größe dieser Vögel auch eine
zunehmende Distanz zu ihresgleichen voraus. Eine Distanz, welche durch den gesunden
Konkurrenzkampf erreicht wird - zumindest für den Gewinner ist er wohl gesund dieser
Kampf, aber über Verlierer spricht man bei großen Vögeln sowieso nicht mehr und wenn
doch, dann höchstens als Bestätigung der eigenen Größe. Für Verlierer wäre es besser
gewesen klein zu sein, dachten die, die groß und Gewinner waren. Die, die klein waren,
dachten da teilweise etwas anders, aber die wurden nicht gefragt und hätten zu den
Großen wahrscheinlich über dieses Thema auch nicht allzuviel gesagt, aber sie wären ja
eh' nicht gefragt worden.
Sara jedoch war klein und zwar war sie von Anfang an etwas zu klein,
paßte irgendwie nicht zu Ihresgleichen und wurde trotzdem als eine Große behandelt, weil
sie halt dazu gehörte, wie man so schön sagte und außerdem ihre Eltern sie lieb hatten,
wie Eltern eben ihren Nachwuchs lieb hat, ob der jetzt so ist wie er sein soll oder nicht.
Natürlich fanden die Eltern schon, daß die kleine Sara wirklich etwas anders sei, daß
sie halt irgendwie zu wenig groß sei, aber sie meinten, daß würde sich schon geben,
würde sich auswachsen. Sie war ihr Kind und mit der Zeit erstellten sie ihre eigenen
neuen Maßstäbe extra für Sara. Nicht, daß sie sonst noch irgend jemand mit diesen
Maßstäben gemessen hätten - Nein - diese Maßstäbe galten nur für ihre Sara und so
war ihre Sara in ihren Vorstellungen so groß, wie sie hätte sein müssen, um normal zu
sein. Desto kleiner Sara blieb, um so weniger merkten es die Eltern und für Sara war es
in ihrer Jugend selbstverständlich, daß sie groß sei, denn sie kannte es nicht anders.
Im Unterbewußtsein der Eltern mochte schon die Erkenntnis gewesen sein, daß da etwas
nicht stimmte und so waren sie, wenn sie das auch niemals zugegeben hätten, nach außen
viel besorgter und vorsichtiger um ihre kleine große Sara, als sie daß mit ihren anderen
Kindern gewesen wären und die haben sie bestimmt genau soviel geliebt wie ihre Sara.
Selbst wenn die Anderen nicht dieser Meinung waren und sich schon
etliche Male zurückgesetzt fühlten, sahen sie doch von selbst ein, daß ihre kleine
Schwester Schutz bedurfte und wehe es kam ihr jemand zu nahe. Es war ein ungeschriebenes
Gesetz innerhalb der Familie, welches Sara an die erste Stelle setzte, wenn sie das wohl
auch nie gemerkt hatte und es wahrscheinlich auch sonst niemand in der Familie merkte. So
wurde Sara groß, aber doch nicht groß genug, ohne dabei zu lernen wie klein sie
eigentlich war. Als Außenstehender hätte man wohl ein schlechtes Gefühl bei der Sache
gehabt. Vielleicht hätte man daher später gesagt - >Natürlich es konnte nur so
kommen, daß hat man ja gleich gewußt<. Vielleicht wäre man zu den Eltern, zur
Familie gegangen und hätte ihnen gesagt -> Hört mal, ihr macht da einen Fehler. Seht
ihr nicht wie klein sie ist?< Natürlich hätte man das nur gemacht, wenn man ein sehr
nahestehender Außenstehender gewesen wäre, aber möglicherweise hätte man es auch dann
nicht gemacht. Wie dem auch sei, es gab eh keine Außenstehenden. Bei den großen Vögel
und bei so großen Vögel schon überhaupt, gibt es in der Regel keine Außenstehenden,
den für die ist bei so großen Vögel kein Platz.
Die eigentliche Geschichte Sara's fing an, als sie etwa in dem Alter
war, wo junge Vögel das Nest schon eine ganze Weile verlassen haben, durch die Gegend
gestreift sind, sich umgeschaut haben und anfangen, das Gefühl zu entwickeln, daß ihr
Platz nicht mehr das elterliche Nest sei. Die Zeit, in der die jungen Vögel gelernt haben
selbst ihr Leben zu leben. Nicht so perfekt und geschickt wie die Alten, dafür aber mit
junger, frischer Kraft die manchen Fehler ausgleichen mag und die Energie gibt, um eben
die Erfahrungen sammeln zu können, die dann einen Jungen zu einem Alten macht. Das Alter,
indem man tagsüber in den Wäldern herumstreift, oder hoch über den Wiesen seine Bahnen
zieht. Das Alter, wo in den Träumen bereits jene Selbständige Zukunft begonnen hat, man
jedoch in der Dämmerung in das warme und sichere Nest zurückkehrt, welches die Eltern
immer noch für einen bereithalten, weil sie wissen, daß es noch zu früh ist, daß die
Zeit noch kommen wird, wo die Jungen so groß geworden sind, daß auch sie schon einen
Platz wegnehmen um den man mit den Anderen gerungen hat. Dann bereits zu groß geworden
für das sichere heimatliche Revier. Und die Eltern hoffen, daß die Jungen einsehen
werden, daß sie weg müssen, hinaus ins Leben um sich ihren eigenen Platz auf der Welt zu
erkämpfen. Noch war diese Zeit für Sara nicht gekommen und eine Frage, welche in diese
Richtung ging, hatte sich ihr auch noch niemals gestellt. Wenn sich ihre Eltern mit dieser
Frage befaßten - was sie eigentlich nicht taten und wenn doch, dann verdrängten sie das
Thema ohne das sie sich dessen wirklich bewußt gewesen wäre, aber sie hatten irgendwie
ein schlechtes Gefühl dabei - ein Schatten schien sich dann auf ihr Innerstes zu legen
und er schien ihnen sagen zu wollen, daß ihre Tochter niemals eine solche Zukunft haben
konnte, wie sie im Grunde meinten, die Zukunft eines großen Vogels aussehen müßte. Aber
sie wollten diesen Schatten nicht sehen und sie wollten keine Fragen und keine Probleme
dieser Art hören, denn sie waren groß und große Vögel kennen solche Sachen nicht, oder
haben zumindest keine Zeit dafür. Außerdem war ihre kleine Sara doch sowieso noch nicht
soweit, noch nicht groß genug. Sie wird schon merken wenn es soweit ist, sagten sich die
Eltern und verdrängten alle dunklen Gefühle, mit denen sie gelernt hatten zu leben,
indem sie diese einfach ignorierten.
Sara flog gerne. Und sie war eine ausgezeichnete Fliegerin.
Wahrscheinlich war sie sogar diejenige in dem Revier ihrer Eltern, welche diese Kunst,
wobei die Vögel selbst, dies nicht unbedingt als solche empfanden, am perfektesten
beherrschte. Man konnte sogar den Eindruck gewinnen, als wäre es eine Berufung für sie.
Außerdem fing sie bereits sehr früh damit an. Ihre Eltern wollten dies so, denn sie
fanden das gehöre sich einfach so und Sara war ihnen auch nicht böse deswegen gewesen.
Es war damals ein schöner Tag, als sie zum ersten Mal geflogen war.
Wobei man sagen muß, daß es eigentlich viel öfter schöne Tage gab, als sie noch klein
war - für sie war es auf jeden Fall immer schön gewesen. Wenn man sie an jenem Tag
gefragt hätte, dann würde sie sich wohl als Gewinner gefühlt haben, obwohl sie das
nicht gesagt hätte - weil sie es auch nicht wissen konnte, daß sie ein Gewinner ist,
denn sie kannte es ja nicht anders, aber sie war einer.
Sie konnte fliegen. Natürlich jeder Vogel kann fliegen, aber sie
konnte sofort fliegen. Sie mußte es nicht lernen. Als sie auf dem Zweig saß, vor sich
die Tiefe, um sich herum das schöne Wetter, hatte sie keine Angst. Sie wußte was zu tun
war. Sie wußte, daß sie sich gleich abstoßen würde und das nichts passieren konnte.
Jeder andere Vogel hätte wohl Angst gehabt, wäre Unsicher gewesen, ob dem was da auf ihn
zukommen mochte, doch Sara hatte keine Angst. Sie hatte damals überhaupt vor nichts Angst
- Sie kannte dieses Gefühl einfach nicht und erst später sollte sie die Bedeutung dieses
Begriffes erfahren. Und so stieß sie sich ab, von jenem Zweig, der jedem Anderen
wahrscheinlich sehr dünn und unsicher vorgekommen wäre und wahrscheinlich nur einem
wirklich sehr kleinem Vogel das Gefühl von Stabilität vermittelt hätte. Sie flog - Es
war für sie, als würde man sie willkommen heißen in einer Welt, die nur für sie da
sei, die auf sie sehnsüchtig gewartet hatte. Sie fühlte sich Zuhause, geborgen in den
Lüften, geborgen im Schoß der Naturgesetze, welche nur für sie geschaffen schienen.
Gesetze deren Benutzung sie niemals gelernt hatte. Gesetze die sie nicht kannte und nicht
verstehen konnte und es schien so, als ob sich ihr alles unterordnen wollte. Sie glitt
durch die Schichten, spielte mit den Strömungen und hatte das Gefühl als würde sie von
den Winden umschmeichelt, umworben von den Kräften der Natur, die um ihre Gunst buhlten,
sich untereinander im wilden Wettstreit zankten und sich in ihrer Nähe wieder einigten,
um sie sicher an ihr Ziel zu geleiten.
So stieg sie oft hoch nach oben, immer höher um diese Freiheit, diese
Unendlichkeit zu spüren, dann mal schnell, mal langsam wieder herabzugleiten in die
Tiefe, sich manchmal einfach dem Spiel des Windes hingebend, manchmal ihm den eigenen
Willen aufzwingend.
Bereits bei ihrem ersten Flug hatte sie das Gefühl nun ihren Platz
gefunden zu haben. Die Einsamkeit der Lüfte setzte sie in ein Gefühl von wohliger
Geborgenheit um. Einsamkeit, welch schöner Zustand. Allein mit ihrer Berufung. Allein mit
der Natur. Aber sie war niemals Allein. Möglicherweise war sie sich nicht bewußt über
diese Tatsache, wie sie sich in ihrem sorglosen Leben sowieso über nicht viel bewußt
wurde. Immer war irgendeiner der Familie in ihrer Nähe. Man achtete streng darauf, daß
sie während ihrer Ausflüge nicht der schützenden Kontrolle ihrer Familie entkam, daß
ihr niemand und nichts zu Nahe kommen würde und in mehr als nur einer Situation geschah
es, daß einer ihrer Brüder in der Ferne eine potentielle Bedrohung wahrnahm und sich im
wilden Sturzflug entschlossen auf den Feind stürzte, während Sara nichts von dem
Geschehen bemerkte.
Wenn Sara flog gelangte sie in eine eigene, andere Welt. In eine Welt,
in die sie niemanden mitnehmen konnte und auch niemanden mitnehmen wollte, denn es war
ihre Welt und sie war so schwierig und auch so schön, daß keiner der normalen großen
Vögel in sie hätte gelangen können, oder dort Platz gehabt hätte. Man mußte schon so
sein wie Sara - ein zu klein geratener verträumter Vogel - um in diese Welt zu gelangen.
Aber es dauerte gar nicht lange und Sara entwickelte ihre Fliegerei zur
Perfektion. Sie flog viel besser als ihre Brüder oder ihre Eltern und keiner konnte ihr
mehr folgen, wenn sie in irrwitzigen Manövern im Himmel verschwand, alles hinter sich
ließ und in ihrer nun eigenen, sicheren Welt verschwand. Nun war sie wirklich allein,
aber für sie hatte sich nichts geändert, denn sie dachte immer schon sie wäre allein
gewesen. Wenn es also ein Problem gewesen war, dann war es höchstens ein Problem der
Anderen.
Ihre Eltern spürten zwar wieder diesen Schatten den sie so gut
verdrängen konnten wenn ihre Kleine da in der Luft zu verschwinden schien, aber sie
beruhigten sich dann selbst und meinten, es würde schon nichts passieren. Sie waren sehr
stolz darauf wie gut ihre Sara fliegen konnte - Ja das Kind würde es noch zu etwas
bringen, man hätte es ja gleich gespürt. Für die großen Vögel war es halt sehr
wichtig, wie gut einer von Ihnen Fliegen konnte, denn nur das machte die wirklich
erfolgreichen Vögel aus. Sicherlich sind auch solche Dinge wie Geschicklichkeit und Kraft
Attribute nach denen es zu streben galt. Doch die wahren Meister zeigten sich im
Wettstreit des Fluges. Sie hatten eben eine ziemlich nüchterne, fast geschäftlich zu
nennende Einstellung zu dem Phänomen des Fliegens, aber sie hatten eben auch eine
ziemlich nüchterne Einstellung zum Leben eines großen Vogels überhaupt und in diesen
Einstellungen hätten wahrscheinlich die Vorstellungen Sara's keinen Platz gehabt. In die
Verlegenheit sich mit der Einstellung ihrer Tochter auseinander zusetzen, waren sie
allerdings nie gekommen, was durchaus verständlich ist, den es gehört nicht zu dem
Lebensbild großer Vögel sich mit irgendwelchen Einstellungen auseinander zusetzen. Es
ist nicht in der Vorstellungskraft dieser großen Vögel gegeben, daß es andere, als ihre
eigenen Einstellungen geben könnte und wenn doch, dann wären die sicher nicht wichtig
genug um darüber nachzudenken. Vielleicht würden sie sogar für sich selbst jede
Einstellung ableugnen, weil sie einfach noch niemals darüber nachgedacht haben, ob sie so
etwas abstraktes wie Einstellungen überhaupt besitzen. Große Vögel haben es nicht
nötig über sich selbst nachzudenken, sie tun eben das, was sie tun und das ist ihrer
Meinung nach dann auch richtig so und vor allen Dingen muß das dann auch gemacht werden.
Das sie also die Möglichkeit in Betracht gezogen haben, ihre Tochter wäre in dieser
Beziehung anders als sie, oder gar Sara könnte aus einem anderen Grund fliegen, als den
Ihren, ist ihnen nicht in den Sinn gekommen. Vielleicht müssen große Vögel so sein,
aber Sara war kein großer Vogel.
Sara flog des Fliegens wegen. Es waren keine logischen oder materiellen
Gründe, weshalb sie das Fliegen zur Perfektion brachte. Es war für sie ein Weg groß zu
werden - ein Weg sich selbst zu finden, sich zu entwickeln. Es war keineswegs so, wie man
durchaus als jener nichtexistente Außenstehende annehmen könnte, Sara wäre nur ein
geistloses kleines Vögelchen welches lebt, um des Lebens willen. Sara dachte nach. Sara
lernte die Welt kennen und sie entwickelte Vorstellungen über diese Welt, Erklärungen
über das was sie sah oder zumindest zu sehen glaubte. Aber sie lebte in einer Welt,
welche sie sich selbst geschaffen hatte. Eine Welt die mit dem, was außerhalb ihrer
Fiktion stattfand, mit dem was dort real war, nichts zu tun hatte. Vielleicht konnte sie
gar nicht in der wirklichen Welt leben, den es wurde ihr von Anfang an verwehrt so zu sein
wie sie war. Sara's Welt war sicherlich keine schlechte Welt. Manche sagen es gibt nur
eine schlechte Welt und das ist jene in der man leben muß. So sprechen allerdings keine
großen Vögel, die solche Aussagen ablehnen, da sie mit der Welt so wie sie ist
eigentlich ganz zufrieden sind, jedenfalls diejenigen, die zu den Gewinnern gehören.
So kam es, daß im Grunde alle Vorstellungen und ihr gesamtes Bild
welches Sara sich von dem Leben, von dem Sein, gemacht hatte, nicht paßten zu dem was
war. Es mag ein Ideal gewesen sein. Ein Ideal wie die Welt eigentlich funktionieren sollte
um gut zu sein, aber solche Ideale sind in der Welt der großen Vögel nicht gefragt und
nur ein zu klein geratener großer Vogel, der die Realität nicht erleben durfte, ist wohl
in der Lage, in seiner eigenen idealen Vorstellung, solche Ideale zu entwickeln.
Sara sah die Welt und alles was sie umgab mit anderen Augen als dies
die großen Vögel getan hätten. Was Vielleicht daran liegt, daß diese eng mit der
Realität verbunden waren. Sie sah nur das Schöne, die Einzigartigkeit der Natur, spürte
die Gnade des Lebens, die Gunst der Möglichkeit das sehen und erleben zu dürfen, was
wohl das Wunder der Natur genannt wird. Sara lebte im Schönen und Guten und sie konnte
die andere Seite, die Seite der Realität, des Überlebens, nicht sehen. Sie nahm den
Wald, die Bäume, Sträucher, Wiesen, Lichtungen, Steine und Felsen wahr, sah die Bäche
und Flüsse, die Teiche und Seen und sie fand alles schön und harmonisch und sie kam zu
der Überzeugung, daß dies auch der Sinn und der Inhalt des Lebens und des Miteinanders
sein mußte - Schönheit und Harmonie. Vielleicht wäre sie nicht zu dieser, für sie
schließlich verhängnisvollen Überzeugung gekommen, wenn sie mehr Kontakt mit anderen
Lebewesen gehabt hätte, aber sie kannte eigentlich nur die Mitglieder ihrer Familie
richtig und auch die, recht besehen, nur aus deren Verhalten ihr gegenüber, den die
Familie hatte immer schon darauf geachtet, daß ihre kleine Sara nicht zuviel davon
mitbekam, wie das Leben der großen Vögel funktionierte. >Das hat noch Zeit<, sagte
man sich,> laßt sie erst mal groß werden<.
Sicherlich da waren noch andere Tiere im Wald, aber viele von ihnen
waren zu groß oder ganz einfach in ihrer Art und ihrem Aussehen zu verschieden von dem
was sich Sara unter einem passenden Partner vorstellte, als daß sie reizvoll genug
gewesen wären, um sich mit ihnen abzugeben. Und viele der kleinen Tiere die noch im Wald
lebten, schienen Sara zu meiden, verzogen sich ängstlich und mißtrauisch, wenn sie nur
einen Schemen von Sara hoch oben am Himmel erblickten. Auch zu den anderen Vögel hatte
sie kaum einen Kontakt herstellen können der ihr Vielleicht einen anderen Einblick in das
Leben gegeben hätte. Ab und zu jedoch traf sie sich mit einem kleinen Vogel der
allerdings im Vergleich zu seinen Artgenossen nicht zu klein war, sondern genau die
richtige Größe besaß und auch sonst ganz normal war. Er war nicht der Typ des
Tagträumers und er hatte auch sonst nicht besonders viel mit Sara gemeinsam aber er
mochte sie ganz gerne. Er war ganz einfach von ihrer Gegenwart faszinierte. Ihre
Fremdheit, ihr Wesen und die unergründliche Tiefe ihrer Gedanken, welche er vorher noch
niemals gespürt hatte fesselten ihn und er war gerne ihr Begleiter in den Lüften; hörte
ihr gerne zu wenn sie ihm versuchte ihre Welt zu schildern und war eifrig bemüht ihr zu
gefallen, mit ihr und ihren Gedanken Schritt zu halten. Aber in Wirklichkeit fand er
keinen Zugang zu ihrem Inneren, konnte er nicht verstehen was sie meinte, wie sie dachte.
Er war ihr Vielleicht fremder, als es ihre Familie je gewesen war. Er war eben ein
realistischer junger Vogel der im Leben stand, der die Realitäten sah und sich in ihnen,
aber leider, oder zum Glück nur in ihnen, zurechtfand. Sara gefiel seine Gesellschaft
obwohl sie spüren mochte, daß er sie nicht verstehen konnte, daß er niemals derjenige
sein würde, mit dem sie wirklich in ihrer Welt leben konnte. Bei ihm hatte sie zum
erstenmal, daß Gefühl der Fremdheit, daß Gefühl, sie könnte anders sein als es
eigentlich die Regel war. Den sowenig er sie verstehen konnte, genauso wenig konnte sie
seine Welt in der er sie ab und zu sehen ließ verstehen. Für sie war er eben nur ein
netter Begleiter; zudem wußte oder fühlte sie zumindest, daß er anders war als sie.
Auch wenn er eben so groß sein mochte und das war sicherlich ein Punkt der ihr gefallen
hatte, so paßte er doch nicht in das Bild von den großen Vögel, welches sie von ihren
Eltern erhalten hatte und das sie zu den Großen gehörte war tief in ihr verwurzelt. Es
schien ihr deshalb verständlich, warum sie so verschieden waren - er war eben keiner von
ihnen - aber er war nett und er gab ihr zum ersten Mal das Gefühl, daß es noch einen
anderen erstrebenswerten Platz geben könnte als den Platz welchen sie allein in der Luft
einnahm, allein in ihrer Welt.
Nice
Nice der Habicht war ein starker und großer Vogel. Er hatte sein
Revier neben dem von Sara's Familie. Damals hatte es großen Ärger zwischen den beiden
Gruppen gegeben, als es darum ging die Grenzen abzustecken, aber schließlich gingen beide
Seiten mehr oder weniger als Gewinner vom Platz, zumindest fühlten sich Beide Seiten so.
Obwohl sich Nice irgendwie weniger als Gewinner fühlte. Aber das lag wohl mehr an der Art
von Nice. Nice war ziemlich eitel und er spielte gerne. Vornehmlich spielte er mit seinen
Opfern und soweit sie es zuließen, spielte er auch mit seinen Feinden unter den großen
Vögeln. Wobei sich hier die Gelegenheiten wesentlich seltener ergaben. Nichts nagte mehr
an Nice, wie wenn er einmal nicht spielen konnte, dann fühlte er sich regelmäßig nicht
wie ein Gewinner und dieser Zustand gefiel ihm überhaupt nicht. Nice war auch noch
ziemlich jung und er war ohne Zweifel schön für seine Art. Schön und gerissen. Nice
dachte viel nach. Viel mehr als dies andere große Vögel taten aber er dachte Dinge die
ihn weiterbringen sollten als andere Vögel und diese Dinge waren nicht vergleichbar mit
den Gedanken, wie sie sich Sara machte. Nice dachte auf eine andere, zweifelhafte Art und
besaß dabei eine nicht vergleichbare und eigensinnigere Motivation bei seinen
Bemühungen. Einem natürlich nicht existierenden Außenstehenden hätten die
Anstrengungen, welche Nice sich mit dem Nachdenken machte wahrscheinlich nicht gefallen
und er hätte es lieber gesehen, wenn Nice sich nicht so viele Gedanken gemacht hätte,
aber in der Welt von Nice gab es noch weniger die Möglichkeit ein Außenstehender zu
sein, als in der übrigen Welt der großen Vögel. So hatte Nice niemanden der ihn
kritisiert hätte, oder der in der Lage gewesen wäre, einen Anstoß zu geben, damit Nice
einmal über etwas vernünftiges nachdenken würde. Nice dachte an die Feinde im
Nachbarrevier, welche ihm nicht die Befriedigung des Spielens gegönnt hatten und er
dachte daran, daß er an diesem Zustand etwas ändern müßte. Auch für Nice war es nicht
vorstellbar in einer anderen Welt als in der seinen zu leben und seine Welt hatte einen
Riß erhalten, damals als er seiner Meinung nach verloren hatte, im Kampf um das Revier.
Die Frage des Platzes hatte bei ihm niemals im Vordergrund gestanden. Ihm ging es um das
Prinzip, um die Verwirklichung seiner Lebenseinstellung.
Nice dachte nach, wie er diesen Mißstand ändern konnte.
Sara und ihr Begleiter waren wieder einmal unterwegs. Es war einer
jener Tage, an denen es nicht richtig hell werden wollte. Die Wolken hingen drohend am
Himmel, nicht so tief, daß die Beiden nicht fliegen gekonnt hätten, aber es war eine
dichte geschlossenen Decke, die über die ganze Weite des Himmels reichte und mit der
Sonne einen erbitterten Kampf um jeden Lichtstrahl führte, der sie passieren wollte. Ein
leichter Wind wehte durch den Wald und rüttelte an den, vom nahen Herbst bereits leicht
gefärbten Blättern und so manche von den Schwachen gaben dem Ziehen nach und verließen
ihren bisherigen Platz, lösten sich von den Zweigen und ließen sich widerstandslos von
den Winden davontragen, bis sie schließlich irgendwo eine neue Heimat auf dem kühlen
Herbstboden fanden. Sara fühlte sich wohl und erst viel später sollte sie sich der
Tatsache klar werden, daß es ein ungemütlicher Tag gewesen war. Ein Tag, der schon von
Anfang an sagen wollte, daß es heute besser wäre, Zuhause zu bleiben, aber Sara konnte
das damals noch nicht erkennen. Ihrem kleinen Freund dagegen war es nicht wohl in seiner
Haut.
Normalerweise hätte er sich bei diesem Wetter irgendwo an einem
sicheren Ort niedergelassen, die Federn wärmend aufgeblasen und gewartet bis es besser
wird. Nur für das Allernötigste wäre er von diesem Platz gewichen. Für Sara schien das
alles anders zu sein und da er sie sehr gerne hatte, überwand er seine unguten Gedanken
und genügte sich mit ihrer Nähe als Belohnung. So segelten Beide aus unterschiedlichen
Motiven nebeneinander in den Lüften und spielten mit den Winden.
Weit stiegen sie empor, sich gegenseitig neckend zogen sie ihre Kreise
in der Luft. Sara schien zu tanzen, schien sich in einem Rhythmus zu einer überirdischen,
für die Außenwelt nicht wahrnehmbaren, Musik zu bewegen. Sie glitt ein in ihre Welt. Sie
sah schöne und harmonische Formen, welche sich fast wie unsichtbare feine Feenhaare in
warmen Farben um sie schmiegen mochten. Die Welt hatte ihre Konturen verloren, scheinbar
freiwillig aufgegeben und sich verwandelt in eine fremde, unfaßbare Dimension, in der es
kein Oben oder Unten mehr gab, kein Gut oder Böse, in der die Realität ihren Platz
verloren hatte und nur noch die mystische, unheimliche und doch so freundliche und
beschützende Kraft des Fliegens als Maßstab des Seins galt. Sara's Freund hatte ihr
nicht folgen können und wahrscheinlich bemerkte er ihren Zustand gar nicht richtig,
zumindest begriff er ihn nicht. Aber er konnte das wahre Sein wahrnehmen und er hatte eine
Fähigkeit, welche Sara nicht besaß - Er hatte einen ausgeprägten Instinkt für Gefahr
und er fühlte sich so hoch oben und ungeschützt in der Luft zunehmend unwohler. Seine
Mechanismen die ihm das Überleben garantieren sollten und sein Selbsterhaltungstrieb und
Willen signalisierten ihm, daß ein Wechsel des Ortes genau das Richtige wäre. Kleine
Vögel sind in einem wesentlich höheren Grade mit diesen Eigenschaften ausgestattet und
sie haben diese Gaben wahrscheinlich auch viel nötiger, als die großen Vögel. Es war
wohl auch dieser Mechanismus der ihm immer schon davon abgeraten hatte, die Bekanntschaft
mit Sara's Eltern und Geschwistern zu machen. Er hatte es niemals für ratsam gehalten
ihrer Familie zu Nahe zu kommen. Auch wenn Sara nicht dem Bild entsprach, welches er von
großen Vögeln im allgemeinen hatte, aber sie war ja auch irgendwie kein großer Vogel,
fand er, so hatte er doch, seiner Meinung nach, genug Erfahrung und genügend wichtige
Gründe, weshalb er auf die Worte seiner Eltern hörte und die wirklich großen Vögel
tunlichst mied. Sara hatte sich darüber noch nie Gedanken gemacht weshalb ihr kleiner
Freund noch nie mit ihr zurück geflogen war und warum er sich immer in einem sicheren
Abstand von ihrem Heim verabschiedet hatte. Ihr wurde so etwas niemals richtig bewußt und
wenn sie sich doch irgendwann gefragt hatte, ob sie ihn nicht auffordern sollte
mitzukommen, so verwarf sie diesen Gedanken schnell wieder. Natürlich er wollte nicht, er
war ja auch anders, daß wußte sie - er hätte nicht in das Bild ihrer Familie gepaßt
und sie fand es somit richtig das er nicht folgte. Es herrschte in diesem Punkt bei Beiden
eine gewisse Übereinstimmung, jedoch kein Verständnis.
Dieser Instinkt der bei ihm eben so gut entwickelt war, hatte ihm auch
davor schon öfters die Erfahrung erspart, sich mit dem unangenehmsten Zeitgenossen der
Umgebung, dem Habicht Nice anlegen zu müssen. Er hatte für Nice einen eigenen Sensor mit
dem er ihn schon von weitem spüren konnte. Es war fast, als ob er schon allein die
Gedanken wahrnahm, welche sich Nice über seine nächsten Pläne machte. Es bestand eine
unsichtbare Verbindung zwischen Nice und dem kleinen Vogel. Eine Verbindung die zum Leben
erwachte, wenn sich in Nice das Verlangen nach Jagd und vor allen Dingen der Wunsch nach
einem Spiel regte. Eine unsichtbare, ihm freundlich gestimmte Macht schien in diesem Falle
ihre schützende Hand über ihn zu halten. Er war nicht für Nice bestimmt. Das war der
Teil des Glückes, welches jedem zuzustehen hatte. Jenes Glück, welches dann woanders
fehlen würde wenn er es einmal benötigt hätte. Einige seiner Angehörigen hatten dieses
Glück bei Nice nicht gehabt, wie überhaupt vielen in seiner Familie Nice zum Verhängnis
wurde, bevor sie ihren Teil des verdienten Glückes erleben durften.
Sara hatte diesen Sensor nicht - Sie hatte nichts von alledem was ein
kleiner und Vielleicht in geringeren Maßen ein großer Vogel besitzen mußte, um in der
realen Welt zu bestehen . Sie brauchte das alles nicht - bisher.
Nice hatte es schon den ganzen Morgen beschäftigt - jenes Gefühl,
daß nun seine Stunde gekommen sei. Er hatte dieses Gefühl vorher noch niemals verspürt
und er maß ihm deshalb viel Aufmerksamkeit bei. In ihm wurde die Vorstellung der Rache
immer plastischer und realer. Er konnte dieses Gefühl der Befriedigung in seiner
Vorfreude bereits deutlich erleben und es jagte ihm wohlige Schauer ein wie er sie selbst
nach vollbrachter Tat bisher nicht gekannt hatte. Er würde Spielen - Spielen wie er noch
nie gespielt hatte. Er glaubte es und er wußte es, dies war sein Tag. Nice hob ab von dem
grauen, dem Tode nahen, alten Baum, der in einer stillen Trauer seine, immer noch starken,
Äste gegen den Boden gerichtet hatte, als wollte er sich verneigen vor der großen Natur,
welche die Güte hatte, ihm die Gunst eines langen erfüllten Lebens zu bescheren und die
nun die Grausamkeit besaß, jetzt wo seine Zeit abgelaufen war, in unmittelbarer Nähe zu
ihm, einen jungen starken Baum wachsen zu lassen, auf den er lange Jahre nur herabgeschaut
hatte und der ihm nun sein Licht und seine Kraft aus dem Boden raubte, der jetzt selbst
mitleidlos auf ihn herabschaute und seine frischen Äste siegreich und jubilierend in den
Himmel zu strecken schien. Der morsche Ast in den Nice unbarmherzig seine Krallen
geschlagen hatte, brach unter dem Druck des Abstoß entzwei und der ganze Baum schien
durch die fühlbare Gewalt und Bösartigkeit zu Ächzen. Nice machte sich auf den Weg in
das Nachbarrevier - nichts würde ihn aufhalten können.
Sara's Freund hatte Angst obwohl noch nichts zu sehen war aber er
wußte was auf sie zukam und er wußte, daß es ihm diesmal nicht gelingen würde der
Angelegenheit aus dem Weg zu gehen. Er fühlte wie sich sein kleines Herz verkrampfen
wollte. Alles in ihm schrie nach Flucht. Seine Instinkte rüttelten an seinem Verstand,
schrien ihn an, als ob er die Pflicht ihnen gegenüber hätte über sein Verhalten
Rechenschaft abzulegen, zu begründen warum er noch da war, warum er sich noch nicht auf
dem Weg befand, auf seinem Weg, der von ihm verlangt wurde, wenn er die Gnade einer
Eingebung von Nice Plänen hatte. Es war so, als wären die ihm bisher gutgestimmten
Geister enttäuscht von seinem Verhalten. Als dachten sie, sie hätten ihre Energie bisher
vergeudet. Aber er wäre längst unterwegs - Normalerweise. An einem anderen Tag wäre er
erst gar nicht aus seinem sicheren Ort hervorgekommen, hätte schon vorher gewußt, daß
dies heute nicht ratsam sei. An einem anderen Tag an dem er dies vorher gespürt hätte,
wäre er aber auch nicht mit Sara zusammengewesen und Sara war hier. Er konnte nicht ohne
sie weg, jedoch konnte er auch nicht mit ihr fliehen, den Sara floh nicht. Sara war nicht
mehr da. Ja, er konnte sie sehen, er konnte sehen wie sie flog, er flog mit ihr, sie
flogen zusammen und doch war sie nicht da. Nie hatte er dies so deutlich bemerken müssen
wie jetzt und niemals hätte er gedacht, daß es für ihn, im wahrsten Sinne des Wortes,
so schmerzlich sein würde, diese Erfahrung zu machen, überkam ihn ein Anflug von Ironie,
welcher aber schnell in Panik und Selbstmitleid überging. Er konnte machen was er wollte,
aber sie ignorierte ihn, gefangen in ihrem wilden Spiel zwischen den Strömungen der
Winde. Sie konnte ihn nicht mehr wahrnehmen. Zu Tief war sie bereits in diese fremde Welt
verstrickt und er wurde nur zu einem der vielen Elemente, welche gewillt waren sie
liebevoll zu umwerben. Eines der vielen Feenhaare, daß sich immer wieder um sie zu legen
versuchte. Das versuchte sie anzustoßen - Sie aus ihrer Bahn bringen wollte und dabei auf
eine liebe Art bestimmt und doch zugleich tölpelhaft wirkte. Geschickt und rein
automatisch wich sie ihm immer wieder aus, hatte Freude an dem vermeintlichen Spiel und
seine panikartigen und verzweifelten Rufe wurden in ihren Ohren zu lieblichen Gesängen.
>So schön und erregend war es noch nie gewesen mit ihm zu fliegen<, dachte sie bei
sich.
Er vermeinte wahnsinnig werden zu müssen. In einem immer wilderen und
unsinnigeren Kampf versuchte er sie in die reale Welt zurückzuholen. Kurz nur ertappte er
sich bei der Frage, ob es den immer schon so gewesen sei, daß sie ihn nicht wahrgenommen
hatte. Ob er die ganze Zeit so blind war, nicht zu merken, wie es um sie und um ihre
Freundschaft stand. Aber er verwarf diese Gedanken wieder - das konnte nicht sein. Zudem
plagten ihn nun andere und viel aktuellere Sorgen und als er in die Ferne spähte, sah er
etwas, auf daß er gerne verzichtet hätte es sehen zu müssen. Eine noch kleine, aber
immer größer werdende drohende Gestalt bahnte sich einen grausam direkten Weg auf ihr
Ziel. Ein sicheres Ziel das die Gestalt zwar noch nicht ausgemacht hatte, von dem sie aber
genau zu Wissen glaubte, wo sie es finden würde.
Nice war nicht leise als er sich näherte. Er schien zu ahnen, daß
dies nicht nötig sei. Kraftvoll bewegte er seine stolzen Schwingen in der Luft. Er war
kein Ästhet was das Fliegen anbelangte aber er war stark und er konnte es sich leisten
kein Ästhet zu sein. Die Luft und die Naturgesetze waren sein Medium. Sie gehörten ihm
und er fand sie hätten sich ihm unterzuordnen. Er beherrschte seine Technik, aber das
Fliegen war niemals mehr für ihn gewesen als ein Mittel zum Zweck. Vielleicht war er zu
groß um die Anmut und die Grazie des Fluges, wie ihn Sara erlebte, spüren zu können
aber Vielleicht verwehrte ihm die Natur dieses Gefühl bewußt, um ihn zu strafen, um ihm
ihr Mißfallen mitzuteilen, aber sie ließ ihn niemals fallen, den er war ein Produkt aus
ihr, er gehörte ebenso zu ihr, wie dies auch Sara tat und sie nahm ihren Auftrag für ihn
zu sorgen ebenso ernst wie bei denjenigen, welche eher nach ihrem Wohlgefallen waren.
Möglicherweise war sich Nice dieser Tatsache durchaus bewußt und möglicherweise hatte
man deswegen den Eindruck, Nice würde mehr auf die Lüfte und Strömungen einschlagen,
als das er durch sie hindurchglitt. Aber Nice wußte auch wie Weit er gehen konnte und er
war, trotz allem, ein guter Flieger.
Nice hatte sein Ziel erspäht. Unweit vor ihm flogen zwei kleine
Vögel, wie es schien in einem wilden Spiel vertieft. Offenbar hatten sie ihn nicht
bemerkt, stellte er einigermaßen erstaunt fest. Diese Tatsache vermochte ihn aber in
keiner Weise aus dem Konzept bringen. Solche Kleinigkeiten überging er in der Regel mit
Gleichgültigkeit. Er war am Zug und er würde bestimmen was geschah. Obwohl er beide
Vögel vorher niemals gesehen hatte, wußte er sofort, welcher davon für ihn bestimmt
war. Er hatte zwar schon Gerüchte über ein mißratenes Mitglied der Familie gehört,
diese Gerüchte jedoch nicht für ernst genommen. Nice war nicht der Typ der irgendwelche
Gerüchte ernst nahm. Nice nahm nur Dinge ernst, die er selbst gesehen oder erlebt hatte.
Hier aber wußte er sofort wenn er vor sich hatte. Das war also jene Sara von der soviel
gemunkelt wurde. Nun gut wenn sie es war, welche seine Rache befriedigen sollte, dann
mochte ihm das recht sein.
Nice fragte nicht nach Gründen. Nice lebte nur. Der andere Vogel
interessierte ihn nicht, auch wenn er eine seltsame Vertrautheit wahrnehmen konnte, die
ihn für einen kurzen Moment zu irritieren versuchte, aber er verdrängte solche Gefühle
sofort wieder. Nice hatte die Gnade sich für Sara's Begleiter heute nicht zu
interessieren, mit ihm heute nicht zu spielen. Sein Tag sollte später kommen, entschied
Nice und er wußte, daß er sich eine solche Entscheidung leisten konnte. Heute war ein
besonderer Tag und es war ein besonderes Opfer. Bei dem Ritual, welches er auszuführen
gedachte, sollte ihm niemand und nichts im Weg sein, sollte keiner stören, entschied er
wiederum und er ging davon aus, daß dies auch so sein würde, den er war es gewohnt, daß
seine Entscheidungen akzeptiert wurden.
So sollte der kleine Vogel noch einmal Glück gehabt haben bei seiner
ersten und einzigen Begegnung mit Nice dem Habicht. Möglicherweise dachten seine
Schutzgeister an die viele Mühe, welche sie bisher mit ihm gehabt hatten und fanden es
schade wenn nun alles umsonst gewesen sein sollte.
Nice war herangekommen und er gab dem kleinen Vogel mit einem
kräftigen Schlag seines linken und eigentlich schwächeren Flügels zu verstehen, wieviel
er von seiner Anwesenheit hielt. Für den Kleinen reicht der linke Flügel fand Nice, was
auch eine Art des Spiels war und er reichte tatsächlich, wobei zu sagen wäre, daß es
wohl keinen Flügel bedurft hätte, um dem kleinen Vogel zu zeigen, daß er hier nichts
mehr verloren hatte. Der Schlag reichte auch um ihn regelrecht aus der Luft zu
katapultieren. Ein rasender Schmerz fuhr ihm durch den kleinen Körper und er überschlug
sich sooft, daß er nicht mehr wußte wo Oben und Unten war, wodurch er möglicherweise
einen kurzen Moment einen Einblick in die Welt Sara's erhielt, obwohl dies nicht ganz das
Gleiche sein sollte, bis er schließlich hart auf dem Boden liegen blieb und das
Bewußtsein mit einem letzten verzweifelten Gedanken an Sara verlor. Es war wahrscheinlich
besser für ihn das er liegenblieb. Wenngleich er vorher sicher nicht daran gedacht hatte,
gegen Nice zu kämpfen, hätte er es sich bei dem Gedanken an Sara eventuell noch einmal
überlegt und Vielleicht hätte ihm die Tatsache, daß Nice nichts von ihm wollte, soviel
Mut gegeben, sich noch einmal in die Luft zu erheben. Er hatte Glück, weil Nice dann
wahrscheinlich seine Entscheidung doch noch einmal revidiert hätte, was er normalerweise
nicht tat und Vielleicht hätte er plötzlich Lust gehabt, mit mehr als nur einem Vogel zu
spielen. Aber der Kleine war bewußtlos und das alles sollte nicht passieren, wobei er
später allerdings nicht wußte, ob er dafür dankbar sein sollte, oder ob seine innere,
nagende und klagende Stimme doch recht hatte, die ihm einreden wollte, er hätte Sara im
Stich gelassen, und daß hatte er sicher nicht getan.
Nice war nun allein mit Sara, aber sie hatte ihn und das, was um sie
herum geschehen war, noch nicht bemerkt. Nur undeutlich spürte sie das Fehlen ihres
Freundes, aber es machte ihr nichts aus. Nice fühlte sich irritiert. Er hatte sich seinen
Empfang und seinen großen Auftritt irgendwie eindrucksvoller und furchterregender
vorgestellt. Er fühlte sich übergangen und wußte für einen Moment nicht was er tun
sollte, doch dieser Augenblick war sogleich verflogen, den er spürte, daß er hier eine
viel bessere Möglichkeit des Spielens vorfand, als er sich das vorher gedacht hatte. Von
seinem Plan so schnell wie möglich zur Sache zu kommen, sah er ab. Eine Weile beobachtete
er Sara wie sie flog und er konnte einen gewissen Anflug von Bewunderung nicht verleugnen.
Sie war schön - aber sie war zu klein - viel zu klein für das, was sich Nice unter einem
ebenbürtigen Gegner vorstellen konnte, aber daß würde ihn nicht von seinem Plan
abhalten. Er wußte, in welchem Maße er damit die ganze Familie treffen würde, daß er
sie wahrscheinlich viel stärker und tiefer treffen würde, wie wenn er eines ihrer
Großen und starken Mitglieder überwältigt hätte.
Sie würden sich schuldig fühlen, daß sie nicht aufgepaßt hatten auf
ihre Kleine.
Nein Nice war nicht dumm.
Noch eine kurze Weile sah er ihr zu, bis er entschied dem Spiel ein
Ende zu machen. Er visierte Sara an und seine kräftigen Schwingen begannen die Luft zu
durchteilen. Schnell bekam er die nötige Geschwindigkeit und er flog in einem wilden
Sturzflug direkt auf Sara zu. Immer schneller - immer wilder; die Krallen bereit das
ahnungslose Opfer zu packen , der Schnabel in gespannter Erwartung schon leicht geöffnet.
Flieg - flieg , der Punkt nahte - und vorbei. Er hatte sie verfehlt; nicht ganz aber doch
verfehlt. Nur leicht gestreift, kurz berührt und wieder verloren. In einem aberwitzigen
Manöver war sie ihm ausgewichen. Ihm dem noch niemals ein Vogel dieser Größe
ausgewichen war, aber jetzt war es passiert.
Sara sah einen Schatten. Einen Schatten der nicht in ihre Welt paßte,
der anders war als alles was sie bisher gekannt hatte. Sie fühlte eine fremde Kraft,
welcher sie nichts zuordnen konnte, die in einer ihr bisher unbekannten Farbe und Form auf
sie zuflog und es war sicher kein Feenhaar und auch nicht das neckische Spiel einer Wolke.
Sie spürte Gewalt, aber sie verstand dieses Gefühl nicht. Sie wußte nur, daß es besser
wäre, dieser fremden neuen Form nicht zu Nahe zukommen. Sara wich dieser Form aus wie es
für sie selbstverständlich war, aber diesmal war es nicht wie sonst. Der Fremde hatte
sie getroffen. Es war ihr noch nie vorgekommen, daß sie von etwas getroffen wurde, wenn
sie das nicht wollte. Die Berührung reichte aus, um sie herauszureißen aus ihrer Trance.
Sie verlor für einen Moment die Orientierung und taumelte auf unsicherer Bahn, wirr durch
die Luft, der Realität entgegen. Sara hatte keine Angst. Sie konnte keine Angst haben
weil sie dieses Gefühl nicht kannte. Die Anwesenheit von etwas Neuem, etwas was sie auf
ihren Erkundungsflügen durch ihre Welt noch nicht erlebt, noch nicht gespürt hatte
machte sie neugierig. Es war eine so seltsame gespannte Stimmung die sie wahrnahm, so
fremd und unbekannt. Sara war begierig mehr über das Leben zu erfahren und sie dachte,
daß jetzt eine Gelegenheit dazu gekommen wäre und so versuchte sie nicht zu fliehen.
Nice verlor für einen kurzen Moment die Beherrschung und er fing
seinen wilden Sturzflug mit einem schrillen Schrei ab, um sofort umzukehren, bereit für
eine neuerliche Attacke. >Verfehlt<, hämmerte es in seinem Kopf. Er hatte sie
tatsächlich verfehlt. Das konnte doch gar nicht wahr sein. Er machte sich wieder auf den
Weg. Diesmal würde er sie erwischen, mußte er sie erwischen. Sara sah ihn kommen. Sie
war nun erwacht und bereit wieder, diesmal jedoch bewußt, auszuweichen. Schnell, sehr
schnell war er über ihr - aber sie war wieder schneller. Sie war einfach besser -
Unverwundbar in der Luft. Er schlingerte mit einem zischenden Geräusch an ihr vorbei.
Dicht ganz dicht. Sie fühlte seinen Atem - haßerfüllt - voll unbekannter Emotionen. Er
überschlug sich fast, bremste ruckartig ab und blieb vor ihr regelrecht in der Luft
hängen, um sie mit seinen scharfen, weitaufgerissenen Augen anzustarren. Er mußte sie
kriegen - Sie gehörte ihm.
>Halt still<,
schrie er sie an.
>Halt still!<
Und noch einmal stürzte er sich ihr entgegen. Hieb mit seinem Schnabel
nach ihr, versuchte sie mit seinen tödlich spitzen Krallen zu packen, sie mit seinen
starken Flügeln zu zerschmettern. Doch er konnte sie nicht erreichen.
>Was willst Du von mir Fremder Vogel<
sprach sie ihn unvermittelt an.
>Du hast aber eine seltsame Art zu spielen.<
>Sie neckt sich mit mir<, dachte er fassungslos. >Sie nimmt
mich nicht ernst<. Seine Lebensphilosophie schien erschüttert. Er war Nice, der große
gefürchtete Nice und nun mußte er sich von so einer halben Portion veralbern lassen. Sie
flogen eine Weile nebeneinander her wobei er sie argwöhnisch belauerte. Auch sie schien
ihn zu beobachten. Ihr Interesse war geweckt, aber sie flog in einer unbeschwerten Art und
Weise um ihn herum, als könne ihr nichts und niemand etwas anhaben und das war wohl auch
so, wie sich Nice eingestehen mußte. Zumindest in der Luft war es so. Nice hatte sich
innerlich beruhigt und er fing an zu denken. Nice beobachte und dachte und schließlich
erkannte er ganz genau was hier vorging. Er hatte nicht lange gebraucht um Sara zu
durchschauen und er kannte sie besser als irgendein Anderer. Nein, Nice war wirklich nicht
dumm. Er glaubte nun zu wissen wie er sie kriegen konnte und er begann den Plan, welchen
er sich schnell ausgedacht hatte, in die Tat umzusetzen.
Er wußte, daß sie nicht fliehen würde und er spürte auch ihr
Interesse an ihm. Wenngleich er ihr Verhalten nicht verstehen konnte und auch nicht
verstehen wollte, so war er doch ein so guter Beobachter, um sich ihr Verhalten für
seinen Plan nutzbar zu machen.
>Sag nur Du kennst mich nicht<,
sagte er zu ihr.
>Hast Du noch niemals von Nice gehört?<
Sara hatte noch nichts von ihm gehört, aber sie wollte ihn
kennenlernen.
>Nein ich kenne Dich nicht, aber Du hast eine komische Art zu
fliegen<,
meinte sie.
>Warum? Hat es Dir etwa nicht gefallen<,
antwortete er scheinheilig.
>Bei uns im Revier fliegt man so miteinander. Große Vögel fliegen
immer so. Hast Du das noch nicht gewußt.<
Nein, daß kannte sie noch nicht und sie fragte ihn nach jenem anderen
Revier und den Vögeln, welche so flogen. Sie fand es eine faszinierende Art, wohl
deswegen weil es eine neue Art des Fliegens war. Er erzählte ihr von vielen
faszinierenden Dingen, welche völlig neu und unvorstellbar für sie waren.
Er erzählte ihr auch von vielen Dingen, die für ihn neu waren, aber
er hatte erkannt, daß es im Grunde egal war was er sagte, denn sie bezweifelte keines
seiner Worte. Sie hatte keinen Maßstab, um seinen Worten keinen Glauben zu schenken. Und
während sie so nebeneinander her flogen, wuchs ihr Vertrauen in ihn immer mehr. Noch nie
hatte jemand so ernst und über solch interessante Sachen mit ihr gesprochen. Es war so
ganz anders, kein Vergleich mit den Gesprächen die sie mit ihrem kleinen Freund führte.
>Wo war der überhaupt?<, fragte sie sich kurz, aber sie vergaß diese Frage ebenso
schnell wie sie gekommen war. Nice schien so offen und ehrlich, als daß sich in ihr ein
Gefühl von Mißtrauen geregt hätte. Ein Gefühl, welches sich gar nicht regen konnte,
denn sie besaß solche Gefühle einfach nicht. Sie kannte nur die positiven Gefühle.
Arme, einfältige Sara.
Nice hatte nur ein Ziel. Er wußte wo sie verwundbar war. Es mußte ihm
nur gelingen, sie dazu zu bringen sich zu setzen. Noch flogen Beide und in der Luft war er
chancenlos. Während er über alles Mögliche erzählte und sie mit seinen Worten immer
mehr in seinen Bann zog, achtete er darauf, daß sie seinem Revier immer näher kamen.
Sara bemerkte nicht, daß sie sich immer weiter von ihrer vertrauten Umgebung entfernte.
Sara fühlte sich glücklich einen neuen Freund gefunden zu haben. Er war so selbstsicher
und so klug. Ganz anders als die Anderen. Sie folgte und lauschte. Nice machte sich sogar
die Mühe auf seinen Flugstil zu achten. Er konnte ein sehr guter Schauspieler sein, wenn
er damit ein bestimmtes Ziel erreichen konnte und er ging völlig in seiner Rolle auf.
Irgendwie gefiel ihm das sogar, gefiel ihm ihre unbekümmerte Art und ihr Vertrauen
schmeichelten ihm mehr, als er zugegeben hätte, aber das alles waren keine Gefühle die
ihm irgend etwas bedeutet hätten. Es gefiel ihm, weil es seiner Eitelkeit entgegen kam,
weil er sich dadurch in seiner selbstgefälligen Meinung über sich bestätigt sah.
Mit innerer Genugtuung sah er, daß sie sich bereits in seinem Revier
befanden. In der Ferne sah er schon den alten verlassenen Turm. Einst von Menschenhand
gebaut und nun in seinen Besitz übergegangen, stand das Gemäuer in der Mitte seines
Reviers, eingerahmt von dem alten gekrümmten Baum und seinem jungen starken Nachfolger.
Jetzt konnte ihm nichts mehr dazwischen kommen. Keiner ihrer Brüder oder ihrer Eltern
würden sich hierher verirren. Viel zu sehr achteten diese Kleingeister die
ungeschriebenen Gesetze der Reviergrenzen, welche für sie eine Art Heiligtum darstellten.
Eine Einstellung, die er noch nie zu teilen bereit gewesen war. Aber es war ein Gesetz,
daß ihm durchaus entgegenkam - wenn es Andere einhielten.
Sara nahm diese neuen Eindrücke begierig auf. Die neue, ihr fremde
Umgebung faszinierte sie. Man muß wohl ein zu klein geratener großer Vogel sein, um zu
verstehen wie Sara ihre Umwelt sah und wie sie diese Bilder verarbeitete, erlebte. Bäume
und Sträucher, Landschaftsbilder und Umgebungen, welche für jeden Anderen halt ebenso
ausgesehen hätte wie sonst überall auch, erlebte sie als etwas völlig Neues und
Schönes. Jede der ihr bislang unbekannten Kleinigkeiten füllten sich in ihren Augen mit
kraftvollen Leben. Sie sog diese Kraft in sich auf, daß Fliegen in dieser neuen Umgebung
schien sie zu elektrisieren. Es war als hätte die Natur in dieser Gegend nur darauf
gewartet, um sie zu begrüßen, als suchte sie den direkten Kontakt zu ihr um sie in sich
aufzunehmen, um sie zu schützen, sich um sie zu schmiegen. Ein so intensives Gefühl
hatte Sara noch niemals gehabt, als ob sie die Fähigkeit hätte ihre Umwelt zu erlösen,
ihr frisches unbekümmertes Leben einzuhauchen und gleichzeitig fühlte sie eine Art Sorge
auf sich einstürmen, als ob man sie vor irgend etwas warnen wollte. Jedoch konnte sie
diesen Eindruck nicht richtig verarbeiten. Sie fühlte sich nur unendlich wohl und sie war
von Dankbarkeit erfüllt. Dankbarkeit für Nice, der sie diese Erfahrung machen ließ.
Mehr und mehr geriet sie in einen Rausch in dem sie wie sooft jegliche Verbindung zur
Realität verlor. Sie fühlte sich zu dem großen, starken und so klugen Nice auf eine nie
gekannte Art hingezogen. Unendlich viele neue Eindrücke und Gefühle strömten auf sie
ein. Es war als hätte sich in ihr eine Tür geöffnet, welche bisher verschlossen gewesen
war und von deren Existenz sie keinerlei Vorstellung oder Ahnung gehabt hatte. Sara war
wieder in eine wirklichkeitsfremde Welt geraten. In eine Welt die viel schöner war als
jene, die ihr bisher soviel bedeutet hatte und Nice und die Erfahrungen, welche sie ihm
zuordnete, war der Mittelpunkt dieser Welt. Sara war von einem zum anderen Moment
verletzlich geworden ohne das sie es gemerkt hatte. Möglicherweise war ihr dieses
Schicksal von Anfang an bestimmt gewesen und möglicherweise ist allen zu klein
gebliebenen Vögeln dieses Schicksal bestimmt. Ein Schicksal dem sie nicht entkommen
können. Sara war in diesem Moment zu einem Verlierer geworden, so wie jeder der in einer
eigenen idealen Welt lebt und nur dort leben kann, sich irgendwann einmal zu einem
Verlierer entwickelt und ein Verlierer bleiben wird. Aber Sara hatte nicht lange Zeit um
diese Welt kennenzulernen. Zuwenig Zeit um sich darüber Gedanken zu machen, sich damit
auseinander zu setzen. Zu wenig Zeit, als daß man etwas darüber hätte erzählen
können. Sie hatte nur Zeit dieses Gefühl einmal zu verspüren. Einmal zu wissen wie das
sein konnte - ein Verlierer zu sein. Einmal nur kurz für einen Moment und doch viel zu
lang für den Rest ihres Lebens. Viel zu lange um es je vergessen zu können, aber nicht
lange genug um es kennenlernen zu können. Überflüssig zu sagen, daß Nice von alledem
nichts mitbekam und selbst wenn, er hätte es eh nicht verstanden.
Nice war eben ein großer Vogel!
Sara war nun bereit alles zu tun, was Nice von ihr verlangen würde und
als er den Vorschlag machte, sich auf jenen jungen starken Baum zu setzen, der einen
dunklen Schatten auf den neben ihm stehenden, vom Alter gezeichneten, seine frühere
Pracht nur noch erahnen lassend Baum warf, willigte sie sofort freudig ein. Nice versprach
ihr eine unvergeßliche Aussicht und meinte dabei die Aussicht ihres Endes aber das konnte
Sara natürlich nicht erahnen.
Sie hatte sich in seine Hand gegeben und sich damit selbst entwaffnet.
Nice ließ ihr keine Zeit mehr um einen Fehler zu erkennen. Kaum hatten ihre kleinen,
zarten Krallen den Ast unter ihr umschlossen, warf er sich auf sie. Er packte sie mit
unbändiger Gewalt und hielt ihren kleinen Leib fest umschlossen. Mit einem wilden
Siegesschrei drückte er unbarmherzig zu. Sein scharfer tödlicher Schnabel zuckte vor und
grub sich in ihren Rücken.
Sara spürte nichts. Sie war nicht in Ohnmacht gefallen, was sicher
besser für sie gewesen wäre und Nice hatte sie auch nicht getötet. Sie war viel zu
überrascht gewesen um sich auf irgendeine Art zu wehren, viel zu überrascht um
überhaupt etwas zu tun. Nice verstand sein Handwerk gut. Sara realisierte nicht was
geschehen war. Sara war nicht mehr. In dem Moment als Nice mit dem Schnabel in ihren
Rücken stieß, zerstörte er mehr als nur Federn und Fleisch. In diesem Moment zerstörte
er ihr Innerstes, löschte er sie aus - gründlich. Für einen kurzen Moment erlebte sie
die Realität. Sie konnte nicht einfach sterben wie ein normaler kleiner Vogel in diesem
Moment gestorben wäre. Nur ein zu klein geratener großer Vogel ist in der Lage, daß
sehen zu müssen was Sara nun sah. Der große Irrtum ihres Lebens und sie entschloß sich
die Welt und alles in ihrem Kopf sterben zu lassen. Sara war nicht mehr.
Nice mußte zum ersten Mal in seinem Leben etwas gespürt haben, etwas
das in der Lage war ihn zu erschüttern. Er hatte zugestoßen - nur einmal - und er
fühlte einen Schmerz. Aber es war kein Schmerz wie er ihn kannte. Es war nicht dieser
befriedigende Schmerz wenn sich sein Opfer ein letztes Mal in seinem Griff wand. Dieser
körperliche Schmerz, der ihn jedesmal wohlig durchströmte, den er brauchte wie eine
Droge. Nice fühlte einen tiefen inneren Aufschrei. Eine Woge von Emotionen hatte ihn
geradezu überspült, schienen sich durch seine Krallen hindurch in seinen Körper
entladen zu haben. Er hatte sie losgelassen. Fallengelassen - Zurückgeschreckt und sich
gekrümmt als wäre er selbst gebissen worden. Nice war ernüchtert. Zum ersten Mal hatte
er das Gefühl einen Fehler gemacht zu haben. Das war nicht die Befriedigung, welche er
sich versprochen hatte, dachte er fast angewidert und er wußte nicht, ob er sich nicht
selbst anwiderte für das was er getan hatte. Er sah nach unten wo Sara regungslos auf dem
Boden lag. Schuldgefühle wie er sie noch nie gekannt hatte, schüttelten ihn geradezu
durch und er dachte einen kurzen Moment an Flucht. Flucht vor sich selbst. Er mußte sich
dazu zwingen nach unten, nach ihr zu schauen. Blut sickerte sachte aus ihrem Rücken. Die
Flügel standen in seltsam skurrilen Winkeln von ihrem kleinen Körper ab. >Wie klein
sie doch war<, fand er bedauernd. War sie tot. Das konnte er sich nicht vorstellen. Im
Grunde war er zu nichts gekommen, hatte sie kaum richtig gepackt.
Er konnte seinen Blick nun nicht mehr von ihr wenden - >Was hatte er
da nur getan?< durchfuhr es ihn. Als er gerade zu, ihr auf den Boden fliegen wollte,
weil er fühlte, daß er irgend etwas tun mußte bemerkte er, wie sich in ihrem Körper
Leben zu regen begann und er wartete ab, was geschehen mochte. Sara, oder das was von Sara
übriggeblieben war, versuchte sich zu bewegen. Ein krampfhaftes Zucken durchlief sie.
Nice sah wie sie versuchte sich aufzurichten - wie sie versuchte auf die Beine zu kommen -
versuchte ihre Flügel zu bewegen, aber er sah, daß sie es nicht konnte. Wenngleich die
Verletzung im Rücken harmlos aussah, so waren die Flügel auf jeden Fall gebrochen. Wie
tote Glieder standen sie von ihrem Körper ab, nicht bereit das zu tun was sie tun
sollten. Sara fiel wieder hin. Sie sagte nichts, gab keinen Laut von sich, versuchte nur
sich zu bewegen. Tappte hilflos, wie Blind über den Boden - fiel hin - stand auf - fiel
wieder hin. Sie versuchte ihre Flügel zu benutzen, versuchte sich abzustoßen, aber es
konnte nicht gelingen, wieder stürzte sie auf den kalten Herbstboden. Nice war von diesem
seltsamen Schauspiel zutiefst erschüttert. Er konnte es kaum aushalten hinzuschauen, aber
er konnte auch seinen Blick nicht von ihr lassen. Er wußte, sie würde niemals wieder
fliegen können.
Sara war schnell mit ihren Kräften am Ende und hörte auf mit den
sinnlosen Versuchen. Erschöpft und mit einer beängstigenden Gleichgültigkeit ließ sie
sich unter dem schützenden starken Ast des alten Baumes nieder. Der Wind löste einige
der leicht gefärbten Blätter und Nice erschien es so, als würde der alte Baum weinen um
Sara.
Nach einer Weile glaubte Nice einen leisen klagenden und doch irgendwie
heiteren Gesang wahrzunehmen.
Und hier endet die Geschichte. Alles endet hier und wird nicht fortgesetzt. Es
mag frustrieren, aber das Gesagte ist gesagt und das Getane ist getan.
Alles weitere mag man sich denken...