Über die Kunst Angst zu haben

alexander maischein

Oft wenn ich aus dem Fenster schaue, der Himmel dann grau ist, die Wolken bis auf den Boden hinab reichen und es vielleicht noch dazu regnet überkommen mich vielerlei Fragen und Gedanken. Besonders Fragen nach dem Leben, nach seinem Sinn und nach meinem Platz darin.

Dann erscheint es mir so, als ob es eine ganz bestimmte Eigenschaft dieses tristen Wetters wäre, hinaus zu gehen und die Menschen zu fragen was sie denn eigentlich da tun auf der Welt. Tja, und nicht selten steht man dann ratlos da und weiß keine Antwort darauf. Wie gerne möchte man Antworten können, möchte lachen und jedem sagen können "Ich bin wegen diesem und jenem da und mein Platz ist hier und dort und alles ist gut!" , aber dann schaut man hinaus, sieht die Tropfen fallen, spürt wie die kalte Wirklichkeit nach einem zu greifen scheint und alle Antworten sind wie weggefegt. Zurück bleibt eine merkwürdige Kälte und Einsamkeit. Nein, eigentlich ist man nicht Einsam und das weiß man auch und das Leben ist auch nicht schrecklich und auch nicht schwer, auch das weiß man im Grunde - und dennoch - manchmal kann es passieren, daß es nicht mehr sonnig werden will. Manchmal hat man einfach Angst.

Ein weiser Mann hat dazu einmal gesagt "Es ist gut Angst zu haben auch wenn es schmerzhaft sein mag und man nicht einsehen möchte warum daß so sein muß aber wer keine Angst verspüren kann, der kann auch nicht Leben verspüren". Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung wer dieser Mann war und außerdem bin ich mir nicht sicher ob es wirklich ein weiser Mann war der dies gesagt hat. Vielleicht habe ich jetzt den Ausspruch eines dummen Mannes zitiert und der weise Mann hat in Wirklichkeit gesagt, daß das alles ein ziemliches Problem sei und er auch nicht weiter wüßte und er außerdem jetzt gehen müßte weil er noch eine Verabredung hätte...

Wenn ich heute traurig bin, alles düster und feindlich ausschaut, dann kuschele ich mich in meine schwarze Decke, höre Musik und trinke dabei eine Tasse Tee. Und wenn ich dann immer noch das Gefühl habe nicht stark genug zu sein für das Leben erinnere ich mich zurück ...

Schwarz

Ich finde Schwarz schön. Heute finde ich es nur noch schön - früher hat es mehr, viel mehr für mich bedeutet. Es war eine Weltanschauung gewesen. Ein Weg meine innere Trauer, meine Unreife auszudrücken. Eine Flucht vor der Realität. Ich war durch diese Farbe nicht so wie die Anderen. Damals als ich anfing Schwarz zu tragen, war das keineswegs so verbreitet, wie dies jetzt der Fall ist. Ich war eine Ausnahme. Natürlich haben auch meine Mitschüler schwarze Kleidungsstücke angehabt - ab und zu. Ich hatte immer Schwarz an und nur Schwarz. Alles war Schwarz. Die Hosen, die Hemden, die Pullover, die T-Shirts, die Strümpfe, die Schuhe, sogar teilweise die Unterwäsche. Ich schrieb in schwarz und bedauerte das ich keine schwarzen Haare hatte. Meine Tasche war schwarz und meine Stifte samt Beutel waren schwarz. Es war keine Mode - eventuell ein Spleen aber kein populärer. Nicht um aufzufallen, nicht um etwas besonderes zu sein. Ich brauchte diese Farbe zum überleben, denn sie hielt mich fest wann immer ich Angst hatte ich selbst zu sein.

Ich glaube ich war ziemlich lange Kind. Nicht das es schlecht wäre, wenn man lange Kind ist, es ist vielleicht nur schlecht wenn man in der Weise Kind ist, wie ich eines war und selbst daß weiß ich nicht sicher zu sagen. Ich war von Anfang an ein hundertprozentiger Einzelgänger. Ich möchte nicht nachkarten wer daran schuld hatte, daran liegt mir überhaupt nichts. Obwohl ich schon der Meinung bin, daß es nicht unbedingt an einem selbst liegt wenn man so wird. Die Veranlagung mag dagewesen sein, aber sie ist sicher auch kräftig unterstützt worden. Auf jeden Fall war es so, daß ich mich sehr wohl gefühlt habe, in meiner einsamen kleinen Welt der Phantasien, in der ich lange Jahre meiner Kindheit lebte. Oh Gott hatte ich Phantasie. Ich erlebte Geschichten, spielte in Märchen mit, lebte tausend Leben und schwebte in fernen Welten. Die Menschen waren nur Spielzeuge in meiner Welt. Nichts war Real für mich. Ich las viel und ich dachte viel nach. Ich weiß noch ganz genau: ich war zehn Jahre alt, als mich die Vorstellung der Unendlichkeit fast in den Wahnsinn getrieben hätte. Unendlichkeit - Was ist das? Wie ist das? Wie kann man sich das vorstellen? Tagelang habe ich darüber nachgegrübelt, habe versucht diese Unendlichkeit irgendwie zu fühlen, zu begreifen. Es hat mir geradezu körperlich weh getan. Nachts bin ich schweißgebadet aufgewacht, von Alpträumen geplagt. Oft war ich so in meiner Welt gefangen, so in der Gefahr nicht mehr entkommen zu können, daß meine Eltern mich mit sanfter Gewalt wieder in die Realität zurückholen mußten wenn ich schreiend im Bett lag. Eine Pyramide wollte mich erdrücken und ich konnte nicht fliehen. Das Paradoxe war, daß ich sehr wohl wußte, daß ich mich in einem Traum befand, daß ich denn Traum heute noch ganz genau weiß - Heute noch Schmerzen dabei empfinde wenn ich daran denke - und das ich trotzdem nichts dagegen machen konnte. ich sehe sie direkt vor mir, die Pyramide. Sie ist Riesengroß und besteht aus gewaltigen rechteckigen Steinblöcken. Ich muß die Pyramide wegtragen. Ich muß einfach. Wenn ich sie nicht wegtrage, umschichte, neu aufbaue wird sie mich erdrücken. Ich schaffe es einfach nicht. Die Blöcke sind zu schwer. Ich kann nicht einen bewegen. Oh Gott, ich muß - ich muß... Jede Nacht drückte mir die Pyramide auf die Brust - ich konnte mich nicht mehr bewegen - bekam keine Luft - wollte Schreien - diese Schmerzen - Warum nur, immer diese Pyramide. Und schließlich habe ich geschrien. Als ob ich sterben würde sagten mir meine Eltern später.

Ich habe es nie geschafft die Pyramide auch nur ein Stück zu bewegen aber irgendwann habe ich Frieden mit ihr geschlossen und sie taucht nicht mehr in meinen Träumen auf.

Diese Träume waren die einzigen schlimmen Erlebnisse in meiner Kindheit an die ich mich erinnern kann. In dem Moment in dem ich >Erwachsen< wurde, in dem ich erkannte, daß das was ich als Leben interpretierte ein verhängnisvoller Traum war - in dem Moment haben mich meine Alpträume verlassen, als wollten sie sagen, >Du brauchst uns nicht mehr. Das Leben ist viel schlimmer.< Genau so empfand ich das Leben. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern wann ich aufgewacht bin. Wann ich angefangen habe zu realisieren, daß die Wirklichkeit nicht so war wie ich sie immer gesehen hatte.

Zu der Zeit in der die Wirklichkeit in mein Leben trat habe ich meine Identität und meine Erinnerungen verloren. Ein großes Problem ist, daß ich mich auch heute an fast nichts erinnern kann, daß ich oft Sachen die jetzt gerade geschehen sofort wieder vergesse. Früher in meinen Träumen, in meiner Welt war ich glücklich, hatte ich mein Zuhause, einen Ort wohin ich fliehen konnte, wo ich willkommen war.

Ich war ungefähr vierzehn Jahre alt als ich zum ersten Mal mit dem Leben konfrontiert wurde. Bis dahin war alles für mich geregelt gewesen. Schule, Zuhause alles . Ich mußte mich um nichts kümmern - alles flog mir zu. Selbst die Schule existierte in meiner Welt nicht wirklich. Ich habe nie große Anstrengungen für die Schule unternommen, habe fast nie Hausaufgaben gemacht, habe in der Schule nichts gemacht, aber ich war trotzdem gut. Ich muß sogar sehr gut gewesen sein, den obwohl ich im Prinzip keinen Strich gearbeitet habe, weil ich die Ganze Schule nur als unumgängliches Anhängsel gesehen habe, durch das man mit so wenig Aufwand wie nur Möglich durchkommen muß, war ich immer ein Schüler im vorderen Mittelfeld. In der neunten Klasse wurde ich aber damit konfrontiert, daß es so nicht unendlich weitergehen konnte. Hauptschulabschluß, Realschulabschluß oder Abitur was völlig unmöglich erschien. Ich sollte hinaus ins Leben, etwas selbst machen, Initiative ergreifen. >Ja was willst du den mal werden? Was willst du den machen?< Fragen deren Inhalt ich zunächst überhaupt nicht begriff. Machen - Lernen - Job - Beruf - Niemals hatte ich auch nur an so etwas gedacht. Das gab es in meiner Welt nicht. Ich war Seeräuber, Ritter, Indianer, Abenteurer, Wissenschaftler, - Träumer. Für mich waren die Abenteuerbücher in denen die jugendlichen Helden in einem fernen Tal die Bösewichte überwältigten und die Filme in denen Tarzan die böse Riesenspinne besiegte das wahre Leben. Vielleicht ist das etwas überspitzt ausgedrückt und ich habe wahrscheinlich schon früher gewußt, daß das nicht alles ist, aber ich bin immer geflohen vor der Zukunft. Ich war mein ganzes Leben lang ein Feigling der vor allem geflohen ist, der heute noch vor allem flieht. Selbst zu feige vor unangenehmen Aufgaben zu fliehen wenn ich sie mal übernommen habe. Zu feige um vor der Verantwortung zu fliehen. Ich wollte immer nur meine Ruhe in meiner kleinen Welt. Das ging aber nicht mehr. Jetzt waren Entscheidungen gefragt. Entscheidungen für mich selbst. ich sollte mich in dieser fremden Welt behaupten gegen Menschen die nicht träumen über die ich keine Macht habe und die alle etwas von mir verlangen. Jeder schien zu wissen was er machen muß. Jeder wußte wohin er gehört und ich wußte nichts.

 

In jener Zeit in der ich das >Leben< kennenlernte hatte ich meine erste schlimme Lebenskrise. Damals habe ich mich immer stärker in meine Tagträume zurückgezogen. So weit, daß ich teilweise nicht mehr wußte was Wirklichkeit und was Traum war.

Es bestand die Gefahr das ich völlig abglitt, daß ich nicht mehr zurückfand, daß ich einfach durchdrehte - mich der Verantwortung für mich selbst entzog. Ich hatte das Gefühl ich wäre schizophren. Aber ich hatte schon zuviel gelesen. Ich merkte was mit mir vorging und ich begann diese Träume zu bekämpfen. Zu stark war ich noch an das Leben gefesselt. Ich glaube ich habe mich damals zum ersten Mal selbst verleugnet, habe zum ersten Mal nicht das getan was ich eigentlich wollte. Der Unbeteiligte wird sagen >Bravo - Gut gemacht. Ist doch besser als verrückt zu werden.< Sicher ist es besser, aber zu welchem Preis habe ich diesen Sieg erkauft. Als der Prozeß abgeschlossen war, hatte ich meine Welt, meine Träume, hatte ich mich selbst zerstört. Ich war wie neu geboren aber ich konnte das nicht als etwas positives sehen. Zuviel hatte ich dafür geben müssen um jetzt >Erwachsen< zu sein. Ich war völlig schutzlos in dieser unbarmherzigen Welt die mir so feindlich gegenüber stand. Eine Welt vor der ich unglaubliche Angst hatte und teilweise noch habe. Das schlimmste in dieser Welt sind die Menschen. Menschen und das was sie tun - Gefühle. Ich hatte nie gelernt ein Mensch unter anderen Menschen zu sein und ich bin nie mit Menschen und dem was sie tun klar gekommen. Ich hatte ein zu ideales Bild von dem was einen Menschen ausmacht. In vielen Dingen ging ich von mir aus. Ich fühlte mich immer allen Menschen unterlegen, dachte das was die anderen machen wäre normal und gut. Ich dachte einmal Menschen wären dafür da sich gegenseitig zu helfen. Ein ideales Bild. Ein idiotisches Bild?

Das schlimmste aber war, daß ich mich plötzlich unglaublich einsam in dieser mir so fremden und unverständlichen Welt fühlte. Einsam und schutzlos. Es war die Zeit in der ich zur Farbe schwarz gekommen bin. Ein Ersatz für den Rückzug den ich mir selbst genommen hatte. Schwarz war meine Tarnung bei meinen ersten Entscheidungen. Schwarz hat mir Halt gegeben wenn ich nicht mehr wußte was richtig und was falsch war. Mit Schwarz habe ich aus eigenem Willen ein Schuljahr wiederholt und habe das Abitur gemacht.

Heute ist auch diese Farbe kein Rückzug mehr für mich. Schwarz hat mir einmal geholfen aber nachdem ich einigermaßen klar gekommen bin mit diesem Problem. Nachdem es mir einigermaßen gelungen ist zu Leben ohne unterzugehen, habe ich diese Farbe, dieses Symbol abgelegt. Sie ist nur noch eine Erinnerung. Eine Erinnerung an eine ideale Welt. An ein Paradies das ich verloren habe.

 

...Hallo lieber Leser (Ich gratuliere daß Sie es bis hierher durchgehalten haben !!!). Jeder Mensch hat ja so seine kleinen Erkenntnisse im Laufe der Suche nach Sinn und Unsinn des Lebens. Ich habe für mich selbst akzeptiert, daß der Sinn des Lebens darin bestehen mag ... aufgepaßt ....:

Der Sinn des Lebens besteht darin, daß zu tun was man gerade tut. Es ist nur schwer dies zu erkennen und wenn man es erkannt hat, ist es wohl noch viel schwerer, es zu akzeptieren.