Ich finde Schwarz schön. Heute
finde ich es nur noch schön - früher hat es mehr, viel mehr für mich bedeutet. Es war
eine Weltanschauung gewesen. Ein Weg meine innere Trauer, meine Unreife auszudrücken.
Eine Flucht vor der Realität. Ich war durch diese Farbe nicht so wie die Anderen. Damals
als ich anfing Schwarz zu tragen, war das keineswegs so verbreitet, wie dies jetzt der
Fall ist. Ich war eine Ausnahme. Natürlich haben auch meine Mitschüler schwarze
Kleidungsstücke angehabt - ab und zu. Ich hatte immer Schwarz an und nur Schwarz. Alles
war Schwarz. Die Hosen, die Hemden, die Pullover, die T-Shirts, die Strümpfe, die Schuhe,
sogar teilweise die Unterwäsche. Ich schrieb in schwarz und bedauerte das ich keine
schwarzen Haare hatte. Meine Tasche war schwarz und meine Stifte samt Beutel waren
schwarz. Es war keine Mode - eventuell ein Spleen aber kein populärer. Nicht um
aufzufallen, nicht um etwas besonderes zu sein. Ich brauchte diese Farbe zum überleben,
denn sie hielt mich fest wann immer ich Angst hatte ich selbst zu sein.
Ich glaube ich war ziemlich lange Kind. Nicht das es schlecht wäre, wenn man lange
Kind ist, es ist vielleicht nur schlecht wenn man in der Weise Kind ist, wie ich eines war
und selbst daß weiß ich nicht sicher zu sagen. Ich war von Anfang an ein
hundertprozentiger Einzelgänger. Ich möchte nicht nachkarten wer daran schuld hatte,
daran liegt mir überhaupt nichts. Obwohl ich schon der Meinung bin, daß es nicht
unbedingt an einem selbst liegt wenn man so wird. Die Veranlagung mag dagewesen sein, aber
sie ist sicher auch kräftig unterstützt worden. Auf jeden Fall war es so, daß ich mich
sehr wohl gefühlt habe, in meiner einsamen kleinen Welt der Phantasien, in der ich lange
Jahre meiner Kindheit lebte. Oh Gott hatte ich Phantasie. Ich erlebte Geschichten, spielte
in Märchen mit, lebte tausend Leben und schwebte in fernen Welten. Die Menschen waren nur
Spielzeuge in meiner Welt. Nichts war Real für mich. Ich las viel und ich dachte viel
nach. Ich weiß noch ganz genau: ich war zehn Jahre alt, als mich die Vorstellung der
Unendlichkeit fast in den Wahnsinn getrieben hätte. Unendlichkeit - Was ist das? Wie ist
das? Wie kann man sich das vorstellen? Tagelang habe ich darüber nachgegrübelt, habe
versucht diese Unendlichkeit irgendwie zu fühlen, zu begreifen. Es hat mir geradezu
körperlich weh getan. Nachts bin ich schweißgebadet aufgewacht, von Alpträumen geplagt.
Oft war ich so in meiner Welt gefangen, so in der Gefahr nicht mehr entkommen zu können,
daß meine Eltern mich mit sanfter Gewalt wieder in die Realität zurückholen mußten
wenn ich schreiend im Bett lag. Eine Pyramide wollte mich erdrücken und ich konnte nicht
fliehen. Das Paradoxe war, daß ich sehr wohl wußte, daß ich mich in einem Traum befand,
daß ich denn Traum heute noch ganz genau weiß - Heute noch Schmerzen dabei empfinde wenn
ich daran denke - und das ich trotzdem nichts dagegen machen konnte. ich sehe sie direkt
vor mir, die Pyramide. Sie ist Riesengroß und besteht aus gewaltigen rechteckigen
Steinblöcken. Ich muß die Pyramide wegtragen. Ich muß einfach. Wenn ich sie nicht
wegtrage, umschichte, neu aufbaue wird sie mich erdrücken. Ich schaffe es einfach nicht.
Die Blöcke sind zu schwer. Ich kann nicht einen bewegen. Oh Gott, ich muß - ich muß...
Jede Nacht drückte mir die Pyramide auf die Brust - ich konnte mich nicht mehr bewegen -
bekam keine Luft - wollte Schreien - diese Schmerzen - Warum nur, immer diese Pyramide.
Und schließlich habe ich geschrien. Als ob ich sterben würde sagten mir meine Eltern
später.
Ich habe es nie geschafft die Pyramide auch nur ein Stück zu bewegen aber irgendwann
habe ich Frieden mit ihr geschlossen und sie taucht nicht mehr in meinen Träumen auf.
Diese Träume waren die einzigen schlimmen Erlebnisse in meiner Kindheit an die ich
mich erinnern kann. In dem Moment in dem ich >Erwachsen< wurde, in dem ich erkannte,
daß das was ich als Leben interpretierte ein verhängnisvoller Traum war - in dem Moment
haben mich meine Alpträume verlassen, als wollten sie sagen, >Du brauchst uns nicht
mehr. Das Leben ist viel schlimmer.< Genau so empfand ich das Leben. Ich kann mich
nicht mehr daran erinnern wann ich aufgewacht bin. Wann ich angefangen habe zu
realisieren, daß die Wirklichkeit nicht so war wie ich sie immer gesehen hatte.
Zu der Zeit in der die Wirklichkeit in mein Leben trat habe ich meine Identität und
meine Erinnerungen verloren. Ein großes Problem ist, daß ich mich auch heute an fast
nichts erinnern kann, daß ich oft Sachen die jetzt gerade geschehen sofort wieder
vergesse. Früher in meinen Träumen, in meiner Welt war ich glücklich, hatte ich mein
Zuhause, einen Ort wohin ich fliehen konnte, wo ich willkommen war.
Ich war ungefähr vierzehn Jahre alt als ich zum ersten Mal mit dem Leben konfrontiert
wurde. Bis dahin war alles für mich geregelt gewesen. Schule, Zuhause alles . Ich mußte
mich um nichts kümmern - alles flog mir zu. Selbst die Schule existierte in meiner Welt
nicht wirklich. Ich habe nie große Anstrengungen für die Schule unternommen, habe fast
nie Hausaufgaben gemacht, habe in der Schule nichts gemacht, aber ich war trotzdem gut.
Ich muß sogar sehr gut gewesen sein, den obwohl ich im Prinzip keinen Strich gearbeitet
habe, weil ich die Ganze Schule nur als unumgängliches Anhängsel gesehen habe, durch das
man mit so wenig Aufwand wie nur Möglich durchkommen muß, war ich immer ein Schüler im
vorderen Mittelfeld. In der neunten Klasse wurde ich aber damit konfrontiert, daß es so
nicht unendlich weitergehen konnte. Hauptschulabschluß, Realschulabschluß oder Abitur
was völlig unmöglich erschien. Ich sollte hinaus ins Leben, etwas selbst machen,
Initiative ergreifen. >Ja was willst du den mal werden? Was willst du den machen?<
Fragen deren Inhalt ich zunächst überhaupt nicht begriff. Machen - Lernen - Job - Beruf
- Niemals hatte ich auch nur an so etwas gedacht. Das gab es in meiner Welt nicht. Ich war
Seeräuber, Ritter, Indianer, Abenteurer, Wissenschaftler, - Träumer. Für mich waren die
Abenteuerbücher in denen die jugendlichen Helden in einem fernen Tal die Bösewichte
überwältigten und die Filme in denen Tarzan die böse Riesenspinne besiegte das wahre
Leben. Vielleicht ist das etwas überspitzt ausgedrückt und ich habe wahrscheinlich schon
früher gewußt, daß das nicht alles ist, aber ich bin immer geflohen vor der Zukunft.
Ich war mein ganzes Leben lang ein Feigling der vor allem geflohen ist, der heute noch vor
allem flieht. Selbst zu feige vor unangenehmen Aufgaben zu fliehen wenn ich sie mal
übernommen habe. Zu feige um vor der Verantwortung zu fliehen. Ich wollte immer nur meine
Ruhe in meiner kleinen Welt. Das ging aber nicht mehr. Jetzt waren Entscheidungen gefragt.
Entscheidungen für mich selbst. ich sollte mich in dieser fremden Welt behaupten gegen
Menschen die nicht träumen über die ich keine Macht habe und die alle etwas von mir
verlangen. Jeder schien zu wissen was er machen muß. Jeder wußte wohin er gehört und
ich wußte nichts.
In jener Zeit in der ich das >Leben< kennenlernte hatte ich meine erste schlimme
Lebenskrise. Damals habe ich mich immer stärker in meine Tagträume zurückgezogen. So
weit, daß ich teilweise nicht mehr wußte was Wirklichkeit und was Traum war.
Es bestand die Gefahr das ich völlig abglitt, daß ich nicht mehr zurückfand, daß
ich einfach durchdrehte - mich der Verantwortung für mich selbst entzog. Ich hatte das
Gefühl ich wäre schizophren. Aber ich hatte schon zuviel gelesen. Ich merkte was mit mir
vorging und ich begann diese Träume zu bekämpfen. Zu stark war ich noch an das Leben
gefesselt. Ich glaube ich habe mich damals zum ersten Mal selbst verleugnet, habe zum
ersten Mal nicht das getan was ich eigentlich wollte. Der Unbeteiligte wird sagen
>Bravo - Gut gemacht. Ist doch besser als verrückt zu werden.< Sicher ist es
besser, aber zu welchem Preis habe ich diesen Sieg erkauft. Als der Prozeß abgeschlossen
war, hatte ich meine Welt, meine Träume, hatte ich mich selbst zerstört. Ich war wie neu
geboren aber ich konnte das nicht als etwas positives sehen. Zuviel hatte ich dafür geben
müssen um jetzt >Erwachsen< zu sein. Ich war völlig schutzlos in dieser
unbarmherzigen Welt die mir so feindlich gegenüber stand. Eine Welt vor der ich
unglaubliche Angst hatte und teilweise noch habe. Das schlimmste in dieser Welt sind die
Menschen. Menschen und das was sie tun - Gefühle. Ich hatte nie gelernt ein Mensch unter
anderen Menschen zu sein und ich bin nie mit Menschen und dem was sie tun klar gekommen.
Ich hatte ein zu ideales Bild von dem was einen Menschen ausmacht. In vielen Dingen ging
ich von mir aus. Ich fühlte mich immer allen Menschen unterlegen, dachte das was die
anderen machen wäre normal und gut. Ich dachte einmal Menschen wären dafür da sich
gegenseitig zu helfen. Ein ideales Bild. Ein idiotisches Bild?
Das schlimmste aber war, daß ich mich plötzlich unglaublich einsam in dieser mir so
fremden und unverständlichen Welt fühlte. Einsam und schutzlos. Es war die Zeit in der
ich zur Farbe schwarz gekommen bin. Ein Ersatz für den Rückzug den ich mir selbst
genommen hatte. Schwarz war meine Tarnung bei meinen ersten Entscheidungen. Schwarz hat
mir Halt gegeben wenn ich nicht mehr wußte was richtig und was falsch war. Mit Schwarz
habe ich aus eigenem Willen ein Schuljahr wiederholt und habe das Abitur gemacht.
Heute ist auch diese Farbe kein Rückzug mehr für mich. Schwarz hat mir einmal
geholfen aber nachdem ich einigermaßen klar gekommen bin mit diesem Problem. Nachdem es
mir einigermaßen gelungen ist zu Leben ohne unterzugehen, habe ich diese Farbe, dieses
Symbol abgelegt. Sie ist nur noch eine Erinnerung. Eine Erinnerung an eine ideale Welt. An
ein Paradies das ich verloren habe.
...Hallo lieber Leser (Ich gratuliere daß Sie es bis hierher durchgehalten haben !!!).
Jeder Mensch hat ja so seine kleinen Erkenntnisse im Laufe der Suche nach Sinn und Unsinn
des Lebens. Ich habe für mich selbst akzeptiert, daß der Sinn des Lebens darin bestehen
mag ... aufgepaßt ....:
Der Sinn des Lebens besteht darin, daß zu tun was man gerade tut. Es ist nur schwer
dies zu erkennen und wenn man es erkannt hat, ist es wohl noch viel schwerer, es zu
akzeptieren.
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